Tagebuch Sikkim April 2016

Tagebuch
Sikkim 1. April bis 27. April 2016

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1. April
Heute bin ich um 5.30 aufgestanden. Mein Gepäck für die Reise nach Sikkim steht bereit. 46 kg in zwei Koffern, ein Treckingrucksack als Handgepäck und meine „Handtasche“. Dies ist „meine“ Deklaration – als Frau brauche ich doch einfach eine solche. Eigentlich hat in meiner Handtasche mein ganzes Sikkim-Büro Platz.
Ich bin mit allem gut vorangekommen. Pünktlich um 8.45 Uhr fahren Sonja und Urs bei mir vor. Sonja reist mit mir nach Sikkim. Ihr Mann Urs fährt uns zum Flughafen. Dies ist mit unserem riesigen Gepäck wirklich wunderbar. Sonja und Ida (die wir dann am Flughafen treffen) dürfen beide auch 46 kg Gepäck mit nach Indien nehmen. Swiss Airlines hat uns eine grosszügige Spezialbewilligung für das Übergepäck erteilt.
Nach einer einwandfreien Fahrt treffen wir beim Flughafen Zürich ein. Dort erwarten uns bereits Ida und ihr Mann Albert. Wir checken bei einer sehr netten Dame ein und haben dann noch genügend Zeit um einen Kaffee zu trinken. Ida verabschiedet sich von ihrem Mann und wir begeben uns gutgelaunt durch den Zoll.
Der Flug nach Delhi fühlt sich für mich so kurz an wie noch nie. Wir drei unterhalten uns blendend. Nach kurzer Zeit meldet der Captain von Swiss bereits den Landeanflug in Delhi an.
Es gibt weder beim Zoll noch bei der Gepäckankunft Wartezeiten. Idas Mann Albert hat uns ein Hotel direkt im Transitbereich des Flughafens organisiert. Das ist wirklich wunderbar, denn wir haben 10 Stunden Aufenthalt. Es ist so schön diese Zeit nicht, wie in den vergangenen Jahren, sitzend in der Flughafenhalle verbringen zu müssen. Ich wusste gar nicht, dass es solche Hotels überhaupt gibt. Auf alle Fälle konnten wir so ein paar Stunden schlafen, bevor die Reise nach Bagdogra weiterging.

2. April
Nun mussten wir nur noch gut durch den Zoll kommen. Ich hatte eine grosse Summe  Geld für den Bau des Mädchenkinderheimes in meinem Handgepäck. Wegen der grossen Korruption können wir das Geld nicht auf ein Bankkonto überweisen.
Nachdem meine Handtasche durch den Scanner gerollt war, sagte mir der Zollbeamte, ich müsse mein Handgepäck öffnen. Mir ist fast das Herz in die Hosen gerutscht. Er sagte dann so etwas wie „coins“. Da wusste ich, dass er das Kleingeld in meinem Portemonnaie sehen wollte. Ich lächelte unschuldig, öffnete meine Brieftasche und zeigte ihm die Münzen und meinen Hausschlüssel. Als er mir mein Portemonnaie zurückgab, fuhr er mir anzüglich mit seinen Fingern über meine Hand. Das war so ein Typ Mann, dem ich nicht alleine in der Nacht begegnen möchte. Ich wusste einfach: „ Heidy, das musst Du nun über dich ergehen lassen. Atmen und ruhig bleiben.“   Dann war die Sache überstanden und wir konnten zu unserem Gate. Innerlich sendete ich ein Dankesgebet zum Himmel.
In Bagdogra erwartete uns bereits Rinpoche beim Ausgang des Flughafens. Wir begrüssten uns, indem wir uns gegenseitig seidige tibetische Katak Schals umhängten. Was für eine Freude. Zurück in meiner zweiten Heimat. Nun stieg die Freude auf das Wiedersehen mit den Kindern bis zum Himmel. Wir rollten mit 6 grossen Koffern und drei Stück Handgepäck an. Es liess sich alles gut ins Auto stauen und so ging die Fahrt Richtung Sikkim los. Nach ein paar Kilometern knatterte etwas beim Auto. Der hintere rechte Reifen war platt. Wir stiegen alle aus. Unser Fahrzeug stand am Rand einer sehr stark befahrenen Strasse. Rinpoche wechselte den Reifen neben eng an ihm vorbei brausenden Autos, Lastwagen, Rikshas und einer Kuh welche  mitten auf der Fahrbahn gemütlich vorbeispazierte. Unsere Hilfe bestand darin die Autos zum langsamen Vorbeifahren zu animieren, indem wir ein bisschen auf der Strasse herumstanden und das ganze fotographisch dokumentierten.
Nach etwa zwei Stunden erreichten wir die sikkimesische Grenze. Dieses Mal bekamen wir gleich die Aufenthaltsbewilligung für 26 Tage. Obwohl ich immer allen predige, man müsse auf so einer Reise immer genügend Passfotos dabei haben, hatte ausgerechnet ich selbst KEINE dabei! Der Grenzbeamte war aber sehr freundlich und sagte zu mir: „Bringen Sie einfach auf Ihrer nächsten Reise nach Sikkim ein Foto mit!“ Glück gehabt. Oder wie meine Freundin Anne immer sagt: „Du hast ein praktisches Gesicht….wie sie das auch immer meint“. Dies freute mich nun wirklich. Denn dies hiess für mich, dass ich während meinem Aufenthalt nicht, wie sonst immer, nach Gangtok, die Hauptstadt von Sikkim, fahren musste um das Visum zu verlängern. Da Ida uns Sonja dann noch mit ihren Partnern zwei Wochen durch Sikkim reisen, wenn ich schon weg bin, werden wir aber dennoch ein Ausflügli nach Gangtok machen.
Hinter der Grenze setzten wir uns in ein Restaurant und assen die ersten Momos. Anschliessend fuhren wir dann bis zum neuen Kloster weiter.
Als wir dort ankamen, standen alle Kinder mit weissen Glücksschals für uns bereit. Es war ein so berührender Anblick. Der kleine, fünf jährige Namka Tenzing, überreichte mir seinen Schal zuerst. Da standen sie, die 17 Kinder und Jugendlichen mit ihren leuchtenden Augen. Wir waren alle drei sehr berührt. Nachdem wir alle begrüsst hatten und die Treppe in die Küche runterliefen, fühlte ich eine kleine Hand. Es war der sechs jährige Yungdrung Phuntsok. Er ist neu im Heim. Ich staunte über seinen Mut und freute mich natürlich sehr ihm die Hand zu geben.
Anschliessend bezogen wir die Zimmer. Sonja und Ida teilen sich auf ihren Wunsch ein Zimmer. Da ich mich die letzten Monate etwas überarbeitet habe, war es mein Wunsch ein Einzelzimmer zu haben. So kann ich, ohne Jemanden zu stören, am frühen Morgen meditieren, die rituellen Niederwerfungen machen, oder mich ganz einfach etwas zurückziehen. In meinem Herzen wohnt ein Eremit. Glücklicherweise gab es genügend Zimmer.  In meinem Zimmer mussten die Handwerker noch eine Vorhangstange montieren. Dann war der Raum bereit für die erste Nacht.

3. April
5.30 Uhr ist Tagwache. Ich stehe auf und mache rund 50 Niederwerfungen. Dies regt den Kreislauf an und hält mich fit. Abgesehen davon, dass ich es eine schöne Sache finde um gute Gedanken, Worte, Handlungen und den Segen des Himmels oder eben der Buddhas zu bitten.
Wir treffen uns alle in der kleinen Küche zum Frühstück. Es gibt Fladenbrot welche auf Nepali Roti genannt werden. Anschliessend trinken wir in Sonja und Idas Zimmer einen Cappuccino aus dem Beutel. Spendiert von Sonja – einfach köstlich. Was für ein Luxus. Dann machen wir uns an die Arbeit, die Bescherung für die Kinder bereit zu legen. Wir haben jede Menge Stofftiere, Spielzeugautos, Kleider und Spielsachen dabei. Die Medikamente, Verbände, Salben behalte ich bis zum Schluss in meinem Zimmer. Denn wenn die Kinder etwas brauchen, kommen sie sowieso bei mir vorbei. Sie wissen inzwischen, dass ich solche Sachen dabei habe.
Nach dem Mittagessen baten wir die Kinder, sie sollen alle in unser Zimmer kommen. Diese Gesichter, diese Freude, diese scheue Zurückhaltung ist einfach nicht zu Beschreiben. Für alle war etwas dabei: Für jeden ein Plüschtier (daran erfreuten sich nicht nur die Kleinen), Spielzeugautos, T-Shirts, Jacken, Fussballschuhe, selbstgestrickte Mützen. Rinpoche hat dies alles fair verteilt. So bekamen alle gleich mehrere Geschenke. Einige Spielsachen haben wir selbst auf unsere Zimmer mitgenommen, sodass die Kinder am Abend nach der Schule diese zum Spielen ausleihen konnten.

4. April
Das „Kloster“ respektive Jungenkinderheim, hat zwei Standorte. Wir befinden und nun im „neuen Kloster“.  Da unser Uebersetzer Dawa aber noch nicht da ist, haben wir beschlossen am nächsten Tag ins „alte Kloster“ umzuziehen, welches sich einige Stunden Reise entfernt befindet. Rinpoche bringt uns am Montagmorgen nach Kewzing. Als wir die Strasse von Ravangla auch Rabong genannt, herunter fahren, weiss ich, nun sind es nur noch 2.5 km und dann sind wir da. Mein Herz klopft. Hier habe ich schon so viele Monate verbracht. Ich fühle mich zu Hause. Es ist mir alles sehr vertraut. Dieses Gefühl wird im Laufe der Zeit am „neuen Kloster“ entstehen, wo sich im Moment ja bereits das Mädchenheim im Bau befindet.
Die Kinder haben Schule. Der Abt, Geshe la, empfängt uns herzlichst. Als wir durch die Klosterpforten schreiten, dem kleinen alten Tempel entgegen, überkommen mich Glücksgefühle. Die ersten vertrauten Gesichter erscheinen.  Irgendwann ist eine Pause und die Kinder rennen umher. Mein Gott, wie sie gross geworden sind. Wir strahlen uns an. Bei Nim Tempa kann ich mich nicht zurückhalten und drücke ihn kurz. Ein grosses Gefühl der Freude stellt sich ein. Ja hier bin ich auch zu Hause. Was für ein grosses Geschenk dies für mein Leben doch ist. Mir läuft ein kurzer Film vor meinem inneren Auge ab, wenn ich die Kinder anschaue. Wie viele haben schon in meinem Zimmer geschlafen, als sie krank waren, wie viele Wunden durfte ich behandeln und wie viele Male tat der Abschied schon so weh, und nun bin ich schon zum sechsten Mal hier. Die Freude ist so gross. Es herrscht eine grosse Vertrautheit.
Nach dem Mittagessen fährt Rinpoche zurück ins neue Kloster und wir beziehen unsere Zimmer. Sonja und Ida wohnen wieder zusammen und ich habe wieder ein Einzelzimmer.  Wir sind den ganzen Tag zusammen und flicken alle Kleider – da ist seit meiner Abreise im vergangenen Jahr einiges zu tun. Ida und Sonja haben die Blumenbeete gejätet. Wir  reden und lachen viel. Und vergiessen auch ab und zu eine Träne….
Sonja hat für jedes Heim eine super Kugelibahn (Murmelbahn) mit den Bea Punkten gekauft: Also Leute, bitte Bea Punkte sammeln da gibt es allerlei cooles Zeugs. Für mich ist es das schönste Bild, wenn am Abend viele Sandalen vor unserem Zimmer liegen und sich dann der Raum mit allen Kindern gefüllt hat. Da wird viel gelacht, gezeichnet, Memory gespielt, Puzzles zusammengesetzt und eben natürlich die Kugelibahn auf jedwelche Art zusammengesetzt und getestet, ob die Murmeln denn auch bis zum Schluss herunter rollen. Wir drei sitzen dann auf  den zwei Betten und stopfen Pullover, nähen Klettverschlüsse an (Sonjas Spezialität). Ich frage mich, wie ich das alles vorher alleine geschfft habe? Denn wir haben genügend Arbeit für drei Personen. Pause machen wir nur beim Essen.

5. April
Heute Morgen hatte ich ein Gespräch mit Geshe la. Wir sprachen über die allgemeine Lage des Kloster-Kinderheimes. Sie ist prekär.  Die Dame aus Deutschland, welche bis anhin für alles Essen aufkam, ist krank und hat dieses Jahr ein paar Tausend Franken weniger überwiesen. Wir brauchen dringend  neue Sponsoren.  Im Jahr braucht es hier ca. 11‘000 CHF allein für das Essen der rund 30 Kinder und jungen Mönche. Dazu kommen alle anderen Ausgaben. Die Jahreskosten des ganzen Betriebes liegen bei ca 20‘000 CHF. Ich vertraue darauf, dass unsere Spendenaktion hier auch noch etwas mehr finanzieren kann in Zukunft. Solange wir vor Ort sind, bezahlen wir jedenfalls die medizinische Versorgung, kommen für die Reparatur der Kleidung auf, und alles was so anfällt.
Meine Hauptsorge war Tenzin. Dies ist einer unserer Dolpo Jungs. Er hat mir in der Woche vor unserer Abreise im Facebook ein Mail geschrieben. Seine Eltern im abgelegenen Dolpo meinten, jetzt wo er stark genug zum Arbeiten sei, müsse er zurück nach Hause kommen und die Familie unterstützen. Er wollte aber auf keinen Fall zurück ins Dolpo ohne Ausbildung und ohne Zukunftsaussichten. Im Sommer 2014 sah er als Jugendlicher auch, dass die meisten Männer im Dolpo trinken, kiffen und nicht arbeiten. Zudem ist das Verhältnis seiner Eltern total gestört. Ich versprach ihm dann mit Geshe la zu sprechen und zu überlegen, was wir tun könnten. Es ist ein grundlegendes Problem, dass die Eltern ihre kleinen Kinder im Kloster abgeben, wo sie dann über viele Jahre versogt werden und sogar eine rudimentäre Schulbildung bekommen. Kaum sind die Kinder dann aber kräftig genug um auf dem Feld zu arbeiten, wollen die Eltern die Kinder wieder zurückholen.
Dieses Gespräch verlief sehr gut. Ich erklärte Geshe la, dass es keinen Sinn mache, wenn Tenzing nach Hause müsse, ganz ohne Ausbildung.  Geshe la sagte mir dann, dass er dies auch so sehe. Meine Idee war dann Tenzin zu fragen, was er am liebsten für eine Ausbildung machen würde. Es war klar, dass er nicht Mönch werden will.  Ich sagte ihm, mir sei egal was er lerne. Aber es müsse eine richtige Ausbildung sein. Etwas, das ihm Freude mache. Nima Dukta unser treuer Uebersetzer und Mönch deutete dann schon an, dass Tenzing vielleicht Thangka Maler werden möchte, ein sehr hoch angesehener künstlerischer Beruf. Aber Tenzing getraue sich nicht mir dies zu sagen, denn diese Ausbildung daure etwa sechs Jahre.  Tenzing hat grosses Talent zum Zeichnen.  Dies wusste ich auch aus der Vergangenheit. Er hat mir einmal ein Portrait von Gandhi skizziert, welches einfach perfekt war.
Als  ein paar Stunden später  Geshe la mit Tenzing gesprochen hatte, riefen sie mich zu dem Gespräch dazu. Tenzing  sagte dann ganz scheu, dass er gerne Thangkamaler werden möchte. Ich fragte dann, ob sie eine richtig gute Schule wissen, worauf Geshe la verneinte. Ich schlug dann vor, ich könne meinen Freund Karma Lama in Kathmandu anfragen. Dieser vertreibt Thankas, die von einer der besten Thankamalerdynastien in Kathmandu angefertigt werden, und sie haben auch eine eigene Künstlerschule.
Ich schickte dann über Geshe las Handy ein Mail per Face Book zu Karma Lama nach Nepal. Ich habe hier ja kein Internet. Nach etwa einer Stunde kam die Antwort, dass Tenzing  gerne in ihrer Schule die Ausbildung zum Thangkamaler absolvieren könne.  Er solle anrufen um die Details zu besprechen. Ich rief dann zuerst über Geshes Handy zu Karma Lama an. Denn ich wollte ja wissen, wieviel die Schule im Jahr koste und wie lange dieses Studium genau daure. Karma Lama sagte mir dann, dass er kein Geld für ein Kind aus einem Kinderheim von uns wolle. Schliesslich seien wir Freunde und ich hätte  ihm auch schon einige Gefallen getan. Damit meinte er wohl die wunderbaren tibetischen Rollbilder Thangkas genannt, welche wir von seinen Künstlern abgekauft haben. Ich war und bin wieder einmal sehr berührt, wie die Dinge einfach laufen.  Ich kann allen, welche nach Kathmandu reisen, empfehlen die Galerie von Karma Lama und seiner Familie zu besuchen. Es ist keine Billigware aus China. Sondern handgemalte traditionelle tibetische Rollbilder.  Je nach Grösse arbeitet ein Künstler mehrere Monate bis Jahre an einem solchen Bild, und zum Schluss werden die Bilder in einem Kloster in Kathmandu von einem Mönch in einer speziellen Zeremonie „empowert“.  Aber zurück zu Tenzing. Die nächste Woche haben Geshe la und Pasang sowieso eine Reise nach Kathmandu geplant. Denn im Trizin Norbu Bön Kloster gibt es eine dreitägige Zeremonie für ein langes Leben von Lopon Tenzin Namdak, den „Dalai Lama“ der Bön-Buddhisten. Es werden dort sehr viele Menschen aus der ganzen Welt erwartet. Nun reist Tenzing gleich mit nach Kathmandu und bleibt dann dort. Wenn sie dann in Kathmandu angekommen sind, werden sie mit Karma Lama Kontakt aufnehmen, um alles zu besprechen. Er braucht noch ein Zimmer, weltliche Kleidung etc. Die Zimmermiete und den Lebensunterhalt für Tenzing kosten pro Monat ca 120 CHF. Dies habe ich nun für ein Jahr voraus bezahlt. Diese Patenschaft finanziere ich gerne. Der Abschied vom Kloster wird Tenzing schwer fallen. Hier hat er die letzten 10 Jahre verbracht und es ist so was wie seine Familie. Immer, wenn ein Kind das Kloster verlässt, sind alle sehr traurig.
Ich schwelge in Erinnerungen. Vor vier Jahren war Tenzing noch ein Kind. Einmal war er an einem Abend blutüberströmt vor meinem Zimmer. Er hatte eine Wunde am Kopf….. 2014 war er eines von den drei Kindern, die wir in sein unendlich weit entferntes Heimatdorf im Dolpo begeleitet hatten, und nun ist er ein junger erwachsener Mann geworden, der einen weiteren grossen Schritt in seinem Leben vor sich hat. Der erste Schritt war vor 10 Jahren, als er vom Dolpo weg ins Kinderheim nach Sikkim  musste, und nun fort von hier in Sikkim, wo er  inzwischen viele Freunde und sicher ein zu Hause hat, hinaus in die Welt. Ja ich habe ein frohes und ein trauriges „Mutterherz“.  Ich bin sehr glücklich, dass er eine richtige Ausbildung machen kann und nicht zurück ins Dolpo muss,  wo er seine Talente verschwendet. Zum anderen hoffe ich, dass er mit der Welt draussen klar kommt. So weit weg von seinem vertrauten Leben……das sind wohl Gefühle, welche sich alle Mütter irgendwann machen ist doch schön, dass ich, die keine Kinder hat, dies auch erleben darf.
Gestern gab ich dann Geshe la das Geld für Tenzings nächstes Jahr. Dann habe ich Tenzing einen persönlichen Brief geschrieben. Sonja und Ida gaben mir Schützenhilfe. Denn ich wusste doch, dass ich immer so emotional bin, bei Abschieden. Tenzing wurde dann auch gerufen. Ich übergab ihm den Brief und sagte noch meine Wünsche zu ihm…….und natürlich liefen mir Tränen über das Gesicht. Auch dabei unterstützen mich Ida und Sonja  Tenzing hatte auch Tränen in den Augen. Ich fasste mich wieder und konnte ihm meine Wünsche noch von Herzen überbringen.  Hier sind wirklich alle eine grosse Familie. Was für ein Geschenk, ein Teil davon sein zu dürfen!

6. April
Heute sprach ich noch einmal das Thema an, ob wir eine Frau suchen könnten, die zwei Tage pro Woche die Kinderzimmer reinigt, die Kleide flickt etc. Geshe la sagte, dass er dies eine gute Idee finde, obwohl der Klostervorstand dies früher ablehnte ;-) . Steter Tropfen höhlt den Stein.  Nima Dukta sagte dann, dass er in der Nachbarschaft eine solche Aushilfe suchen werde. Das war vielleicht ein Abenteuer. Ida, Sonja und ich wurden zu einem „Vorstellungsgespräch“ in der Nachbarschaft eingeladen. Da war eine junge Frau und ihre Mutter oder Schwiegermutter, welche eventuell für die Arbeit in Frage kam. Die Atmosphäre im Haus war nicht wirklich einladend.  Dann erklärte ich ihr, um welche Arbeit es sich handeln würde und welche Punkte uns am wichtigsten seine.
1. wir wünschen uns eine Frau, welche für die Kinder wie eine Mama sei und welche Freude an der Arbeit in den Kinderzimmern habe.
2. Wäsche waschen und flicken
3. die Zimmer der kleinen Kinder sauber halten
4. 40% Stelle, zwei volle Tage pro Woche à 8 Stunden
5. Höchster Lohn pro Monat 2‘500 Rupies pro Monat ca 35 CHF ( dies sagte ich natürlich nicht)
Da ich vorher bei Nima Dukta abgeklärt habe, wieviel Ajeet unser Koch, aufgerechnet auf eine 100% Stelle verdient, hatte ich einen Anhaltspunkt. Mit 100% ist eine sieben Tage Woche gemeint und 15 Tage Ferien pro Jahr. Das erste was die Frau beim Vorstellungsgespräch sagte, war dass dies eine sehr strenge Arbeit sei, wo sie dauernd mit den Händen im Wasser sei  und sie daher 400 Rupies pro Tag Lohn möchte. Das war wirklich unverschämt. Nun ich machte das Angebot von max. 2‘500 Rupies pro Monat. Wir sagten ihr dann, dass sie sich nicht sofort entscheiden müsse, sondern eine Nacht darüber schlafen solle, bevor sie sich entscheide.
Sonja, Ida und ich hatten alle  ein ungutes Gefühl. Sie waren einfach nicht herzlich in dieser Familie mit dem noblen Haus. Als ich am Abend im Bett lag, dachte ich wieder einmal: „Der liebe Gott hat mich gern und wird es schon richten.“

7. April
Am Morgen trank ich auf dem Balkon mit Blick Richtung Tashi Ding Kloster (ein uraltes Nyingmapakloster) meinen Kaffee. Da sah ich direkt unter dem Balkon auf der anderen Strassenseite ein recht ärmliches Haus mit einem kleinen Maisfeld davor. Draussen vor der Türe waren Kinderkleider an einer Schnur zum Trocknen aufgehängt. In diesem Moment dachte ich, vielleicht wohnt ja da eine nette Frau, die gerne zu unseren Kindern im Kloster kommen würde.
Als wir dann am Frühstück sassen kam Nima Dukta und sagte, die Frau von gestern Abend wolle den Job nicht. Wir atmeten alle auf. Er fuhr dann aber fort, dass gleich unterhalb vom Kloster eine junge Mutter wohne, welche dies gerne machen würde. Es war exakt das Haus, welches ich gerade vorher angeschaut hatte und mir dachte, da wohne vielleicht die passende Person für uns.
Wir gingen alle wieder auf Hausbesuch. Ach war das eine liebenswürdige junge Familie. Wir wurden von einer jungen Frau ihrem Mann und einem kleinen Bübchen von etwa 6 Jahren empfangen. Sie baten uns zu sitzen und strahlten uns an. Nima Dukta übersetzte dann wieder wie wir uns dies vorstellten. Die Frau, ihr Name ist Dipa, und der Mann strahlten übers ganze Gesicht. Beim Lohn wusste sie so gar nicht wie viel sie verlangen könnte. Als ich dann die 2‘500 Rupies offerierte, waren sie und ihr Mann so glücklich. Ich sagte ihr dann auch noch, dass wir in einem Jahr schauen, wie es so gehe und dann werde sie auch etwas mehr verdienen. Unsere Herzen waren so erleichtert und wir gingen alle glücklich zurück ins Kloster. Sie fängt gleich am nächsten Montag  mit der Arbeit an.

8. April
Der Schullehrer, der vom Staat für die Kinder im Kloster angestellt und bezahlt wird, ist eine Katastrophe. Er kommt, wenn es ihm so passt, und auch fachlich als Lehrer nicht brauchbar. Ich sprach  mit Nyima Dukta darüber. Er sagte, dass Geshe la schon oft reklamiert habe. Aber niemand nehme Notiz davon. Ich fragte dann, ob es helfen würde, wenn ich ans Schulinspektorat nach Namchi einen Brief schreiben würde. Niyma Dukta meinte dann, dass es besser wäre gleich nach Namchi bei der zuständingen Person vorzusprechen. Ich fand das eine super Idee. Ida und Sonja hätten mich auch als Vorstandsmitglieder von der Charity Org Rosa World Wide begleitet. Geshe la sagte dann, dass der Lehrer einen Brief geschrieben hätte. Er sei krank und könne gerade nicht erscheinen.
Wie durch ein Wunder erschien er dann gestern plötzlich doch und kam in unser Zimmer. Er erklärte seine Situation in einem völlig unverständlichen Englisch. Dabei ist er der Englischlehrer unserer Kinder. Ich befürchte, wenn sie mit 16 Jahren die Schule beenden haben sie den Stand eines Viertklässlers. Mir bleibt dieses Mal zu wenig Zeit, dieses Problem noch wirklich anzugehen. Denn übermorgen reisen wir bereits ins neue Kloster, wo auch unser Mädchenheim gebaut wird. Aber es steht sicher zuoberst auf meiner Traktandenliste für die Zukunft. So kann es einfach nicht weitergehen…

9. April
Heute war ein „Feiertag“ hier im Yungdrunk Kundrakling Kloster. Wir drei Frauen spendeten das Geld damit alle 33 Bewohner Fleisch-Momos, Aepfel und einen Fruchtsaft bekamen. Das war eine grosse Freude. Am frühen Morgen wurde schon der Teig geknetet und anschliessend waren alle Jugendlichen und Erwachsenen damit beschäftigt, Momos herzustellen. Das Fleisch kaufen sie dafür am Stück und es wird dann mit Messern auf Holzböcken gehackt. Auf solchen Holzböcken stellen wir zu Hause Brennholzscheiter her. Bei schönstem Wetter genossen wir alle draussen an der Sonne unser Festmahl! Das Essen für 33 Personen: 10kg Fleisch, 9kg Zwiebeln, zwei Liter Oel, 9kg Mehl, 3 kg Tomaten, 1 kg Chili, 12 kg Aepfel, 30 Stk Saft für genau 100 CHF.
Am Nachmittag verteilten wir noch an alle ein Schreibheft, Bleistifte, Zahnbürsten, Zahnpasta, Chips und für die Köche zusätzlich noch Kerzen und Putzzeug.
Am späteren Nachmittag kamen Kinder und junge Mönche mit Abschiedsgeschenken zu uns ins Zimmer. Schon flossen die ersten Tränen. Sie hatten die Päckchen mit so viel Liebe eingepackt und zum Teil kleine Briefchen dazu geschrieben. Ich war so gerührt, dass sie ihr winzig kleines Sackgeld für uns ausgeben. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt diese Geschenke anzunehmen. Denn es ist für die Würde der Kinder wichtig, auch etwas geben zu können.

10. April
Wir klärten bei den Köchen ab, was sie für Werkzeuge in der Küche brauchen. Es kam eine lange Liste zusammen. Nach dem Frühstück am Sonntag Morgen fuhren wir mit dem Taxi nach Rabong auf den Markt. Nima Dukta und Wangtschuk begleiteten uns. Oder besser gesagt wir begleiteten sie. Wir kauften eine ganze Menge Pfannen, Wärmebehälter, Thermoskannen, Tassen, Kinder-Essgeschirr aus Plastik, Putzzeug, ein. Zum Abschluss begaben wir uns noch auf den Gemüsemarkt. Dort trafen wir, unter den vielen Menschen zufällig wieder auf Dipa, unsere neue „gute Seele“ zur Betreuung unserer Kinder. Sie verkaufte am Boden sitzend Bohnen. Natürlich kauften wir gleich bei ihr ein. Sie sass da mit ihrem Jungen auf dem Boden und hielt ihr Gemüse feil.
Der Koch sagte noch, dass er gerne ein gutes Messer und ein Beil vom Dorfschmied kaufen würde. Aber dies sei wohl sehr teuer. Ich sagte ihm dann, er solle abklären, wieviel das denn koste. Er kam dann zurück und sagte, es sei zu teuer. Denn diese zwei Werkzeuge kosten zusammen ca 35 Franken. Ida spendete dies dann spontan und der Koch war darüber sehr glücklich. Er geht oft in den Dschungel um Holz zu fällen für das Kloster. Dafür braucht er einfach auch gutes Werkzeug.
Gegen Abend kamen viele Mönche und Kinder mit Geschenken vorbei. Dieses Mal löste ich mich nicht gar so lange im Abschiedsschmerz auf. Denn Ida und Sonja vergossen mit mir zusammen Tränen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

11. April
Wir fuhren dann nach dem Mittagessen zurück ins neue Kloster. Im Verlaufe des Morgens machten wir noch Gruppen und Portraitfotos von allen. Ich werde diese dann bei Ifolor ausdrucken lassen und das nächste Jahr mitbringen. Fotos sind immer sehr begehrt. Denn dies ist etwas, was sie nicht von sich selber haben. Als wir dann unser Zimmer nach dem Mittagessen verliessen, standen bereits einige Kinder mit den weissen Katakschals zum Abschied vor der Türe. Ich lief so berührt die Treppe runter in den Hof und dort fand eine schöne Verabschiedungszeremonie statt. Alle, Gross und Klein, kamen  mit den Schals aus den Zimmern gerannt um diese uns zu übergeben. Ajid und Geshe la beteten bei der Uebergabe. Dies berührte mich besonders tief. Ich fühle mich so reich beschenkt und gesegnet. Alle Kinder und Mönche rannten bis zu unserem Taxi, um uns zu verabschieden. Ich liebe diese Kinder so sehr. Im Verlaufe, der Monate, welche ich schon hier verbringen durfte, sind sie mir alle ganz fest ans Herz gewachsen. Ich habe sie so sehr gerne und wünsche ihnen nur das Allerbeste.
Ich weiss, Gesche la hat viele Sorgen, denn es kamen dieses Jahr weniger Spenden von der Frau aus Deutschland fürs Essen. Ich konnte zum Glück von den Spendern in meinem Umfeld auch noch etwas beisteuern. Ich weiss, dass wir dringend jemanden brauchen, der in Zukunft dieses Kloster-Kinderheim grosszügig unterstützt. Das liegt mir etwas auf dem Magen.  Es sind doch jährlich etwa gegen 30‘000 CHF. Mit den 20 neuen Jungen im neuen Kloster und dann noch die Mädchen, wenn das Mädchenkinderheim fertig ist, sind es dann rund 80 Personen, welche ernährt werden müssen.  Und wieder denke ich: „Der liebe Gott hat mich gern, und wir bringen das Geld schon irgendwie zusammen“. Schliesslich wurden wir in all den Jahren immer wieder von so vielen Menschen grosszügig unterstützt.
Wie sehr genoss ich es im Kloster am frühen Morgen in den Tempel zu gehen, der Trommel, den Gebeten und dem Muschelhorn zu lauschen. Wir hatten die ganze Zeit gutes Wetter. Dadurch sind die Kinder auch viel weniger krank und erkältet als in der Regenzeit. Ich hatte mit „Verarztungen“ ganz wenig zu tun. Ein paar Erkältungen, Vickscreme einreiben, und Entwurmungskuren verabreichen. Dafür haben wir zusammen in einer Woche alle defekten Kleider vom vergangen Jahr, an der Sonne sitzend, geflickt. Und auch viel mit den Kindern gespielt. Es gab einen Popkorn-Nachmittag, Kino (DVD auf meinem Laptop), Ballspiele etc. Aber der absolute Renner war Sonjas Kugelibahn.
Es ist für mich sehr schön zu sehen, dass es hier auch gutes Wetter gibt und dadurch die Kinder richtig fit sind. In der Regenzeit gibt es durch die Blutegel und auch sonst viele Infektionskrankheiten der Haut. Pasang hat die Medizinkiste mit den Salben und Verbänden reichlich benutzt. In Zukunft wollen wir hier einmal ein Erste Hilfe Programm durchführen.  Zudem konnte ich in dieser kurzen Zeit sehr viel organisieren und das war auch wichtig.

Geshe la, Nima Dukta und ein Freund aus Dolpo begleiteten uns nach Yang Gang. Sie waren von Rinpoche eingeladen. Bis Rabong sassen noch ein paar Einheimische in dem Taxi. Wir waren etwa 14 Personen in dem Jeep
In Yang Gang wurden wir zum zweiten Mal herzlich von den Kindern begrüsst. Es gab gleich Tee und Biscuits für alle. Die beiden Klosteroberhäupter Geshe la und Rimpoche machten eine Baubesichtigung. Wir sassen noch an der Sonne. In Gedanken bin ich noch in Kewzing. Der Schullehrer gibt mir enorm zu denken. Und zu wissen, dass ich nun dafür wieder für ein Jahr nichts tun kann, fordert meine Geduld heraus. Der Typ ist echt ein fauler, arroganter Sack. Ich bemerke, dass ich urteile – und das sollte ich nicht – aber ich liebe mich trotzdem.

17. April
Ich bin gar nicht mehr zum Schreiben gekommen. Nun sind wir bereits wieder seit fünf Tagen hier im neuen Kloster. Dawa, unser Uebersetzer, ist auch hier, und das ist wichtig. So können wir immer wieder beim Essen die Dinge besprechen, welche anstehen. Dawa übersetzt sehr gut. Er tritt als Person total in den Hintergrund und ich habe dann immer das Gefühl direkt zu Rinpoche zu sprechen, ohne Uebersetzer. Dies ist wirklich eine hohe Qualität.
Nach zwei Tagen kam der zehn jährige Namgyal zu mir, nahm meine Hand, und fragte: „ Heidy la, bist Du nun meine Amala? ( Mama)“ Ich sagte dann zu ihm: „Es ist mir eine grosse Freude Deine Amala zu sein!“ Namgyal strahlte mich lange an. Innerlich war ich sehr berührt.
Hier arbeitet seit dem letzten Frühling eine Frau zur Aushilfe zwei bis drei Tage in der Woche. Leider muss ich sagen, dass sich das nicht auszahlt. Ich kann keinen Unterschied sehen zu dem Zustand der Kleider und Kinderzimmern jetzt und bevor sie hier war.  In den Zimmern der Kleinen ist alles feucht, kaputt und in den Schränken ist es schmutzig. An einem Abend hält Rinpoche ein Meeting mit allen Kindern und uns ab. Hier kann jeder sagen, was er denkt. Rinpoche fordert uns auf, auch etwas zu sagen. Ich frage Dawa ob ich ehrlich sein darf. Er sagt ja klar. Darauf sage ich anständig aber schonungslos, dass diese Haushälterin eine Katastrophe sei. Rinpoche hatte dies auch schon angedeutet. Da es aber irgendwelche familiären oder nachbarschaftlichen Verwicklungen gebe, werde er ihr die Kündigung diplomatisch beibringen müssen. Egal wie, dies ist sein Business.
Ausgerechnet am Tag nach dem Meeting hatte die Haushalthilfe Dienst. Was für ein Tussie! Sie scheuchte die Kinder umher und arbeitete selbst praktisch gar nicht, stand an der Sonne und betrachtete ihre blau lackierten Zehennägel, Kaugummi kauend. Zudem hatte sie eine Ausstrahlung wie ein saurer Apfel. Auch diese Frau wird eine Lebensgeschichte haben, die wahrscheinlich nicht lustig ist. Aber wenn man Menschen für eine Arbeit einstellt, müssen sie einfach auch dem Profil entsprechen und so geht es nun überhaupt nicht. Ich kann es auch gegenüber den Spendern nicht verantworten, dass wir für eine unfähige Aushilfe monatlich 35 Franken ausgeben. Denn damit könnten wir ein weiteres Kind ernähren. Ich habe dann noch einmal mit Rinpoche gesprochen. Er wird ihr künden. Rinpoche sucht nun eine Frau, welche permanent hier sein kann, denn die bisherige Aushilfe erschien zur Arbeit, wann es ihr gerade passte.
Wir drei sind einfach ein super Team. Sonja und Ida werden nicht müde, mit mir zusammen alle Kleider zu waschen und tagelang zu flicken. Die Kleider der Kinder riechen oft nach Urin. Und es ist nun gewiss kein Spass, diese von Hand zu waschen. Wir reparieren Schulhosen, welche kurz vor dem Auseinanderfallen sind. Sonja ist erfinderisch und hat sich spezialisiert indem sie Wundbandagen in weisse, bzw. ehemals weisse, Schulhemden als Flickeinsatz einnäht und Ida läuft auf Hochtouren, um jede Naht perfekt zu nähen und jede störende Etikette zu entfernen. Wir sitzen meistens draussen an der Sonne arbeiten, reden und lachen. Während den Schulpausen sind die Kinder immer bei uns, denn die Schule liegt gleich auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Im Gegensatz zum alten Kloster gehen unsere Kinder hier in die öffentliche Schule.  In diesen Pausen malen die Kinder, spielen Sackgumpen, Froschspiel und so weiter. Ballone haben wir natürlich auch wieder dabei.
Am 13. April waren wir in Gangtok wegen der Visumsverlängerung für Ida und Sonja. Wenn ich abreise, kommen ihre Ehemänner hier an. Anschliessend machen die vier dann noch eine Sikkim und Darjeelingrundreise mit Nima Dukta und einem Chauffeur. Auf ihre Erzählungen bin ich sehr gespannt. Ich war nun schon insgesamt 6 Monate hier. Aber weiter, als zur Visumsverlängerung nach Gangtok, habe ich es bisher nicht gebracht. Auf der einen Seite würde ich gerne Sikkim etwas besser kennenlernen. Aber wenn ich dann jeweils hier bin, will ich die Zeit einfach mit den Kindern verbringen. Denn diese Zeit scheint mir besonders kostbar.
In Gangtok waren wir drei dann auf Schoppingtour. Rinpoche und Dawa mussten noch auf einem Amt etwas erledigen. Wir kauften Wäscheklammern, Vicksalbe zum Einreiben und so weiter. Dann hatten wir Lust auf einen Kaffee und etwas Süsses. Leider hatten unsere bevorzugten Cafés keine Toiletten. Als wir dann im dritten Kaffeehaus ankamen, waren gerade zwei junge Männer ohne grossen Elan dabei, die winzig kleine Damentoilette zu reinigen und wieder wollten sie uns nicht hereinlassen. Dieses Mal wegen Putzarbeiten… Nun ja, wie soll ich dies sagen. Plötzlich brach das Erbgut von meinem Grossvater durch, dem „Burchwieselhans“. Die beiden jungen Männer zogen sich (leise winselnd) zurück, und wir konnten die Toilette benutzen - endlich. Ida und Sonja, waren wohl etwas überrascht über meinen wenig damenhaften Ausbruch, sie waren wohl aber auch dankbar. Wie heisst es doch – um zu bekommen was man will, muss man sagen was man will!
Wir drei Frauen genossen die Zeit in der Stadt. Zum Abschluss begaben wir uns noch in ein wunderbares Teehaus. Schliesslich bringt Sikkim, zu welchem früher auch das weltbekannte Darjeeling gehörte, hervorragende Tees hervor.  Die Teegärten heissen hier zwar anders als die des weltbekannten Darjeelings. Aber die Teequalität ist genau so gut. Irgendwann klingelte dann das Telefon, welches Rinpoche uns ausgeliehen hatte. Er war mit seinem Geschäft im Regierungsgebäude fertig. Anschliessend trafen wir uns in einem kleinen tibetischen Restaurant zum Mittagessen.
Als wir dann mit all unseren Geschäften fertig waren, fuhren wir zurück Richtung Yanggang. Wir stoppten noch bei einer Metzgerei. Hierzu nur so viel: Wenn ich nicht schon Teilzeitvegetarierin wäre, würde ich es hier - aber subito. Wir kauften Fleisch für die Kinder. Rinpoche ist vom Stamm der Khampa und die essen in Tibet sehr viel Fleisch, weil die Vegetation dort oben nicht viel anderes hergibt als Produkte von Kühen und Yaks. Es war so grausig an diesem Metzgereistand, dass wir uns die Nase zuhielten und nicht einmal im Stande waren, davon ein Foto zu machen. Ein behaartes Rinderbein, inclusive den Klauen, stank nach Verwesung. Aetzend! Nun auch dies war ein Erlebnis. Erstaunlicherweise stank das von Rinpoche gekaufte Fleisch nicht. Zu Hause im Kloster betrachtete ich dieses dann näher. Und es sah wirklich schön aus! Ungloiblich
Wir kamen pünktlich um fünf Uhr im neuen Kloster an. Die Kinder freuten sich auf uns. Von fünf bis sechs Uhr kommen immer die meisten Kinder in unser Zimmer. Am ersten Abend waren sie noch etwas scheu. Als sie dann aber merkten, dass wir eigentlich ganz nett sind, lief alles wie am Schnürchen. Nun kommen sie jeweils um 17.00 Uhr in unser Zimmer und wir machen zusammen die Hausaufgaben.

Und so gestaltet sich der Tagesablauf der Kinder im Kloster:
- 5.00 Uhr Aufstehen, Hausaufgaben erledigen
- 6.00 bis 7.00 Uhr Unterricht in Tibetisch
- 7.00 bis 8.30 Uhr Frühstück, Morgengebete im Tempel, verschiedene Aemtli erledigen, in der Küche helfen etc.
- 9.00 bis 15.00 Uhr Schule
- 15.00 bis 16.00 Uhr frei
- 16.00 bis 17.00 Unterricht in Tibetisch
- 17.00 bis 18.00 Uhr Hausaufgaben erledigen
- 18.00 Uhr Abendgebet, Abendessen, Hausaufgaben, Freizeit
- 20.00 Uhr Nachtruhe
- Samstag: Schulfrei, Putzen der Zimmer und der Umgebung
- Sonntag: Fussball, Freizeit, ab und zu TV: in Rinpoches Zimmer einen Film schauen

Als wir bei einem Schulbesuch waren, konnten wir eine Ansprache des Direktors in der Schule anhören. Er sagte er zu allen versammelten Kindern, sie sollen früh am Morgen aufstehen und Yoga machen oder lernen. So dass sie gut vorbereitet und wach in der Schule ankommen. Da dachte ich mir: bei dem streng geregelten Tagesablauf im Kloster sind „unsere“ Kinder bestimmt die fittesten, wenn sie, nach bereits einer Stunde Tibetischunterricht, in der Schule ankommen.
Diese Woche hatten sie Prüfungen. Wir lernten am Abend bis um 21.00 Uhr und am Morgen um 6.00 Uhr füllte sich das Zimmer bereits wieder. Mir macht dies richtig Freude. Je nach Klasse lernen die Kinder über Sikkim, griechische Mythologie oder andere Geschichten von der ganzen Welt. Und zwar auf Englisch. Meistens geht es um Textverständnis mit entsprechenden Fragen. Ich lerne dabei auch sehr viel und vor allem macht es mir Spass. Das Schöne dabei ist, dass die grösseren Kinder, welche zum Teil dramatische und traumatische Lebensgeschichten hinter sich haben, so schnell Zutrauen bekommen. Ich freue mich über jedes Kind, welches mit seinem Schulbuch kommt und fragt, ob ich bei den Hausaufgaben helfen könne. Zum Teil habe ich mich am Abend spät noch in die entsprechenden Texte eingelesen, damit  ich auch wirklich helfen konnte.
Der kleine Takla Tashi musste zum Beispiel Fragen zu Population, Grösse, und allgemeiner Staatskunde über Sikkim beantworten. Wir konnten alle Antworten in seinem Schulheft finden - bis auf die Frage nach dem Namen des sikkimesischen Justizministers. Ich fragte dann Dawa, ob er im Internet nachschauen könne. Er wollte nicht, da er den Kindern immer sage, sie sollen beim Unterricht aufmerksam zuhören. Ich war genervt und wollte keine Vorträge anhören, über was und wie die Kinder dies oder jenes nun machen sollen. Sondern ich wollte den Namen des Justitzministers wissen. Als Dawa nicht aufhörte zu lamentieren, sagte ich ihm. Ich will nicht diskutieren! Nun ja, also brauchten wir eine andere Quelle. Mein liebster Rainer und meine Schwester Monika sind zwar am anderen Ende der Welt, aber mit SMS erreichbar. Ich sendete also je ein sms mit der Frage nach diesem Namen in die Schweiz. Die Antworten kamen ganz schnell von beiden und sie stimmten überein. Am Morgen um 6 kam dann Takla Tshi in mein Zimmer um, die Antwort abzuholen. Er strahlte bis zu den Ohren, dass er die korrekte Antwort bekam. Anschliessend lief er mit dem Schulheft über den Klosterhof und lernte und wiederholte die Fragen immer und immer wieder. Am Abend kam er mit der Bestnote von der Schule nach Hause. Das war eine sehr grosse Freude für uns alle! Ich war so stolz auf ihn und habe ihm das auch gesagt. Mit Dawa hätte ich gerne noch ein Wörtchen über Lernmethoden gesprochen, aber er hat ja vielleicht sogar Recht. Mit 13 flüchtete er aus Tibet. Einige der Flüchtlinge wurden dabei von den Chinesen vor seinen Augen erschossen. Seine Frau kam mit einer Schleppergruppe nach Europa und er hat keine Chance jemals genügend Geld zu verdienen, dass er ihr nachreisen kann……da verstehe ich seine Launen doch sehr gut. Und er ist wirklich ein wunderbarer Uebersetzer und auch ein guter Mensch!
Eines frühen Abends, kam Sonja mit Yungdrung Namgyel in mein Zimmer. Sie sagte, er habe eine Narbe am Arm. Ich bat ihn dann auf mein Bett zu sitzen und er nahm das Mönchstuch weg. An seinem rechten Oberarm bis zur Achsel ist eine etwa 7 cm breite ganz tiefe Narbe. Am linken Bein und Arm hat er auch lange Narben, aber viel weniger tiefe. Er wurde als Kind in Nepal vom Blitz getroffen, sagt er….. Jedesmal wenn ich ihm seine Narben ganz vorsichtig mit Salbe besteiche, laufen ihm fast die Tränen runter. Und zwar nicht wegen Schmerzen, sondern wegen Berührtheit. Ich glaube da gibt es ganz tiefe seelische Narben in seinem Herzen. Er kommt jeden Tag freiwillig und wenn der Verband verrutscht kommt er auch zwischendurch mal ganz scheu fragen, ob ich den Verband wieder richten könnte. Natürlich mache ich dies sehr gerne.
Und dann ist da noch Sonam Tsultrim, 15 Jahre alt. Eine Seele (wie alle) von einem Jugendlichen. Er hat einen offenen Rachen. Sonam versteht super Englisch, und kann sehr gut schreiben. Aber mit Reden hapert es natürlich ganz stark. Es wäre ein so grosses Geschenk, wenn dieser Junge sprechen könnte. Ich habe Fotos von seinem Rachengeburtsfehler gemacht und werde mich dann bei meinem Hausarzt erkundigen, ob dieser in seinem Alter noch operativ korrigiert werden kann.
Rinpoche ist für fünf Tage nach Kathmandu gereist. Dort wird eine grosse Zeremonie für ein langes Leben von Lopon Tenzin Namdak abgehalten. Wir hätten auch mitgehen können. Da die Zeit hier so schon zu kurz ist und wir nur ein „single entry“ Visum für Indien haben, verzichten wir darauf. Wir sind nun mit Dawa, dem jungen Koch und den Kindern alleine. Es läuft alles wie am Schnürchen. Wir arbeiten, helfen bei den Hausaufgaben und zur Belohnung gibt es an einem  Abend unter der Woche, für die Kinder einen DVD zusätzlich. Ist die Katze aus dem Haus, tanzt die Maus
Nachdem die Kinder entwurmt wurden, war es dem kleinen  Namka Tenzing zwei Tage übel. Dies ist wohl eine Nebenwirkung der Medizin. Er musste sich dann am Abend übergeben. Anschliessend hüpfte er aber wieder munter herum. Am nächsten Morgen, lief ich die Treppe vom Esszimmer hoch. In dem Moment kam mir Namka Tenzin weinend entgegen. Sein kleiner Schal und die Schale mit Reis war bekleckert von Erbrochenem. Ich brachte ihn dann in mein Zimmer und befreite ihn von den verschmutzten Kleidern. Nachdem er sich den Mund ausgespült hatte, legte ich ihn in mein Bett. Neben dem Bett platzierte ich einen Abfallkübel, falls er weiter erbrechen sollte. Sonja reichte dann einen Fencheltee und wir hatten noch zwiebackähnliche Biscuits. Der Kleine wurde von uns richtig verwöhnt. Er lag muksmäuschenstill im Bett. Das heisst, es ging ihm wirklich nicht gut. Sonst ist er nämlich ein richtiger Wirbelwind und hat so viel Energie wie drei Kinder. Zum Glück ging es ihm bis zum Mittagessen etwas besser. Er vertrug den Fencheltee und den Zwiback gut und durfte dann mit uns etwas Reis essen. Dann ging es wieder in mein Zimmer ins Bett. Und wie es so ist mit Verwöhnen. Sonja hat von ihren Grosskindern ein paar DVD‘s von Walt Disney dabei. Dadurch konnte Namka Tenzing dann am Nachmittag auf meinem Laptop einen Film schauen. Dies brachte eine wesentliche Besserung für seinen Gesundheitszustand – oder jedenfalls für seinen Gemütszustand Am Abend ging es ihm wieder richtig gut. Vermutlich war die Uebelkeit wirklich eine Nebenwirkung von den Cobanril Tabletten ( Wurmkur).
Natürlich liebe ich es hier die Kinder zu bemuttern und die Kleinen abends ins Bett zu bringen. Sie zuzudecken und noch einen Kuss auf die Stirne zu drücken… noch einmal liebevoll übers Gesicht fahren und dann beim Lichtlöschen neben der Türe noch einmal zu winken. Aber es macht mich auch immer so traurig zu wissen, dass die Kinder sonst einfach alleine ins Bett gehen. Da ist niemand – eine Mama fehlt doch einfach und ist nicht zu ersetzen. Mir laufen Tränen übers Gesicht…..

20. April
Heute war mein Bett schon wieder besetzt. Am Morgen kam Yungdrung Namgyel in mein Zimmer und beklagte sich über starke Kopfschmerzen. Das ist der 15 jährige Junge mit den Verbrennungsnarben am Oberarm. Ich verabreichte ihm ein paar Tabletten und sagte ihm dann, dass er sich hinlegen könne. Er war sehr froh darüber. Ich dunkelte dann das Zimmer ab und legte ihm noch ein Tuch über die Augen, denn er beklagte sich schon vorher über Schmerzen hinter dem rechten Auge. Ich sass dann noch eine Weile neben ihm. Er sagte, dass er Nepal und seine Mutter vermisse. Er schlief dann ein. Am Nachmittag fuhr Dawa mit ihm zum Dorfsanitäter wegen den Kopfschmerzen. Dieser sagte dann, dass am Samstag ein Augenspezialist bei ihm in der Praxis sei. Also werden sie dann noch einmal hingehen.
Heute war der erste Tag, seit wir Anfang April hier angekommen sind, wo ich nicht viel gearbeitet habe. Ich las in einem schönen Buch von Sonja über die Sahara. Das war Erholung für meinen Kopf. Ich schlafe schlecht und mache mir zu den Kindern hier viele Gedanken. In einer Woche bin ich bereits wieder zu Hause und der Monat April ist vorbei. Dann dauert es wohl wieder ein Jahr, bis ich hierher zurückkomme. Der Schmerz des Abschiedes nagt an mir. Ich sehe in all diese wunderbaren Kinderaugen und weiss einmal mehr, dass ich hier so viel zu tun hätte. Und wenn es „nur“ wie gerade eben ist, als ich den kleinen Yungdrung Puntsok halb eingeschlafen in sein einfaches Holzbretterbett legte, ihn zudeckte und ihm noch einen Kuss auf die Stirne drückte. Er lächelte mich  glücklich an und winkte mir noch nach, als ich zur Türe ging und das Licht ausmachte. Die Zimmer sind gewiss kein Luxus. Es ist feucht in den Zimmern ohne Heizung und da und dort riecht es  bei den Kleinen nach Urin. Wir sind nach wie vor am Waschen, Putzen und Flicken. Heute schien den ganzen Tag keine Sonne und es regnete immer wieder. Dadurch konnten wir auch nicht waschen. Ich hoffe, dass Rinpoche eine Klostermama findet, welche die Kinder auch gern hat und einen besseren Job macht, als die bisherige Aushilfe. Es gibt hier so viel zu tun. Ja, ein Teil von mir würde gerne einfach hier bleiben………

22.April
Dawa fuhr heute mit uns ins Dorf Yang Gang. Mit dabei war auch Yungdrung Namgyel, um den Arzt aufzusuchen. Sonja, Ida und ich gingen Shoppen. Blechetuis für die Kinder. Die Grossen bekamen ein Schächtelchen mit Zirkel, Spitzer, Bleistift, Radiergummi und einem kleinen Lineal. Für die Kleinen kauften wir leere Schächtelchen. Dann gab es für alle Bodylotions. Das war echt ein Spass in dem Drogerieshops mit zwei top-modischen Vekäuferinnen und einem Polizisten, welcher  intensiv mit den Damen flirtete. Wir kauften noch jede Menge Vickscrème und Vickssticks. Einen Volleyball für alle, und einen Schulrucksack von Ida für Yungdrung Norbu, und Sonja kaufte Früchte für alle.
Bald trafen wir auf der Strasse schon wieder Yungdrung Namgyal und Dawa. Der Junge hatte eine Stirnhöhlenifektion und bekam daraufhin Medikamente. Nun werden die Kopfschmerzen sicher bald aufhören.
Am Abend, vor dem Essen, verteilten wir unsere Geschenke. Ach das macht viel Freude. Ich bin glücklich.
Rinpoche ist zurück von Kathmandu. Er ist 14 Stunden nonstop gefahren. Ich bin froh, dass er gesund wieder zurück ist. Diese Strassen sind, besonders nach den heftigen Gewittern, an vielen Orten wirklich gefährlich.

23. April
Heute Abend werden Idas und Sonjas Ehemänner eintreffen. Wir beginnen mit dem Packen unserer Koffer. Beim Frühstück ist Rinpoche sehr gesprächig. Nach dem Frühstück besuchen wir die Baustelle des Mädchenkinderheims. Anscheinend läuft alles nach Plan. Wir unterhalten uns gut. Wenn alles so weitergeht, werden im Herbst 2017 die ersten Mädchen im Heim einziehen können.
Wir sind den ganzen Tag lang damit beschäftigt für ein Kinderzimmer Vorhänge fertig zu stellen. Sonja hat ein wunderschönes buntes Tuch gekauft, welches ganz viel Freude in das für uns so trostlose Zimmer bringt.
Als wir gegen Abend in unseren Zimmern sind, kommen alle Kinder in unsere Zimmer und fragen immer wieder: „Reist Ihr morgen ab?“ Wir sagen Ja. Die Stimmung ist bei allen verhalten traurig.
Beim Abendessen wurde es aber richtig lustig. Rinpoche schenkte uns dreien geflochtene Schutzbändel aus Tibet. Sonja band es als erstes um, wie ein Hippiestirnband. Ida und ich äfften es nach und alle lachten  so viel. Es seien Schutzbändel fürs Haus. Dann fragte mich Rinpoche, wann ich fliege und wir entschieden kurzerhand, dass ich noch eine Nacht länger bleibe und dann direkt vom Kloster zum Flughafen in nach Bagdogra gefahren werde anstatt dort zu übernachten.
Um etwa 20.00 Uhr trafen dann Urs und Albert mit Nima Dukta und dem Chauffeur ein. Der Abschied nahte. Ich schlief in diese Nacht praktisch nicht. Dann war es Montagmorgen. Alle Kinder waren da und es flossen viele Tränen beim Abschied. Namgyal nahm es besonders hart. Er versteckte sein Gesicht hinter seinen Händen und weinte heftig, als das Auto mit Sonja, Ida und den Männern davonfuhr.
Nachdem meine Freundinnen nun ihre Rundreise gestartet haben, war es ganz seltsam ruhig im Kloster. Die Kinder gingen in die Schule und ich packte zuerst meine Sachen zusammen. Anschliessend las ich in dem Buch, welches ich dabei hatte. Ich setzte mich an die Sonne, las und meditierte. Mein Herz war weit offen.  
Nach dem Abendessen sagte mir Rinpoche, er wünsche sich, dass wir mit allen Kindern ein Meeting abhalten und ich zu den Kindern spreche. Er sagte dies schon beim Abendessen vorher. Da ich die letzte Nacht nicht schlafen konnte, schrieb ich einen langen Brief an die Kinder. Diesen nahm ich dann als Stütze mit an das Meeting, welches in Sonja und Ida’s grossem Zimmer stattfand. „Sonja, Du hättest mich sehen sollen: ich sass wie immer auf dem Thron, wie Du das Sofa nennst“. Rinpoche sass auf dem linken Korbstuhl und Dawa auf dem rechten. Vor uns auf dem Teppich sassen alle Kinder. Der kleine Gekochab sass ganz vorne in der Mitte und sah von mir aus wie LITTLE BUDDHA.
Zuerst sprach Rinpoche zu den Kindern und Dawa übersetzte für mich. Er sagte den Kindern, dass sich der russische Sponsor für das neue Kloster wegen der schlechten Wirtschaftslage in seinem Land hat finanziell zurückziehen müssen.  Die aus meinem Umfeld eingehenden Spenden seien damit die einzige verbleibende regelmässige finanzielle Unterstützung.
Dann wurde das Wort an mich gegeben. Ich sprach Englisch zu den Kindern, Dawa übersetzte es dann für Rinpoche ins Tibetische und Rinpoche für die Kinder in Nepali.
Zuerst bedankte ich mich bei den Kindern. Ich sagte dann etwa folgendes: „ Als ich vor einem Jahr das erste Mal im Yang Gang Kloster war, kannte ich nur Rinchen und Tashi. Diese waren mit Rinpoche vom alten ins neue Kloster Kinderheim umgezogen. Alle anderen Kinder waren neu für mich im Februar 2015. Nun bin ich zurückgekehrt und so herzlich empfangen worden. Ich bin sehr berührt, über Eure Offenheit, Herzlichkeit, Freundlichkeit und die Liebe, welche ich in allen Augen sehen kann. Mir ist klar, dass ich nie eine Mutter ersetzten kann. Aber ich hoffe, dass alle Kinder von hier fühlen, wie sehr ich Euch liebe. Wenn ich all Eure Herzen erreiche und ihr wisst, dass ihr auf dieser Erde geliebt werdet und willkommen seid, dann hat sich mein Leben erfüllt.
Ich bin so stolz auf Euch alle. Es war mir eine so grosse Freude, wie wir mit Euch Hausaufgaben machen durften. Da wir im Moment leider noch keine Hausaufgabenaushilfe haben und Rinpoche nicht Englisch spricht, bitte ich Euch um etwas. Ich weiss, dass die grossen Jungs unter Euch schon sehr viel gelernt haben. Daher fände ich es schön, wenn die Grossen den Kleinen helfen. Wir sitzen alle im selben Boot. Jeder von Euch hat seine Qualitäten und kann sie an andere weitergeben.  Als wir dann dank Sonja´s Engagement zu Besuch in eure Schule kamen, platzten wir drei fast vor Stolz auf Euch. Wir fanden ihr seid die mit den saubersten Schuhen und Kleidern. Als dann die Lehrerin noch so schön von Euch redete, freuten wir uns wie Schneeköniginnen.
Es war wirklich lustig Eure im letzten Moment gewaschenen Kleider bis am Abend um 23.00 Uhr mit unseren drei Haarföhnen zu trockenen. Die Vorstellung, was gewesen wäre, ohne unsere Trockner, graut mir aber. Hier habe ich eine Bitte an Euch. Denkt doch in solchen Fällen etwas voraus, damit ihr weniger in Stress kommt, bei solchen Anlässen. Ohne Disziplin geht es einfach nicht im Leben. Wenn ihr etwas Ordnung haltet, geht es Euch in vielen Bereichen besser!
Meine Herzensbotschaft an Euch ist aber eine andere. Wenn ich Euch anschaue, sehe ich Eure Freuden, Leiden, Aengste. Ich weiss, dass ihr alle aus schwierigen Familienverhältnissen und Armut kommt. Die ist aber kein Grund, dass ihr Euch schämen müsst. Ihr seid absolut gleichwertig zu allen anderen Menschen. Ich wünsche mir, dass ihr begreift, dass es keine „besseren oder schlechtere Kasten gibt!“ Jeder von Euch hat die Möglichkeit seine Buddhanatur zu entfalten. Diese kann man mit Geld nicht kaufen. Da ihr hier in so jungen Jahren schon lernt zu meditieren ist ein grosses Geschenk. Vielleicht geht ihr in Zukunft mit einem inneren Lächeln in den Tempel in die Meditation. Vielleicht fühlt ihr mit der Zeit, dass sich in Eurem Herzen eine Freude einstellt, wenn ihr meditiert. Eine innere Ausbildung, gepaart mit einer äusseren Ausbildung, scheint mir der perfekte Weg ins Glück zu sein. Zudem kann Meditation auch helfen, die im Herzen eingegrabenen traurigen Geschichten aus Eurer Vergangenheit zu bewältigen. Ich weiss, ihr seid alle durch ganz schwere Zeiten gegangen in Eurem jungen Leben. Daraus könnt ihr für Eure Zukunft eine Kraft entwickeln, welche Euch hilft ein gutes lebenswertes Leben zu führen.
Weiter möchte ich Euch bitten, wenn ihr in Schwierigkeiten seid, habt Mut und geht damit zu Rinpoche. Er ist für Euch wie ein Vater und hilft Euch gerne. Es gibt nichts worüber nicht gesprochen werden könnte, wenn es auf der Seele drückt!
Ich bin sehr traurig, dass ich morgen schon wieder abreise. Ich habe Euch alle sehr lieb. In meinem Leben habe ich mir immer Kinder gewünscht. Mit Euch hat sich dieser Wunsch erfüllt. Auch wenn die Schweiz weit weg ist von Sikkim, seid ihr in meinem Herzen immer bei mir. Eigentlich denke ich dauernd an Euch. Zudem freue ich mich, dass ich hier im Kloster auch zu Hause bin und wieder zurückkommen kann. Ich verspreche Euch, dass ich mein Bestes gebe, damit ihr ein würdiges, Leben führen könnt. Ich bin so stolz auf Euch und ich liebe Euch!“
Das ganze wurde immer wieder Abschnitt für Abschnitt übersetzt. Namgyal und Yungdrung Norbu weinten die ganze Zeit. Ich verlor meine Stimme erst gegen Schluss, fasste mich aber recht schnell wieder…..dies aber nur vorübergehend. Denn nachdem ich mit Reden fertig war, sagte Rinpoche zu den Kindern, dass nun alle, einer nach dem anderen, zu mir sprechen können. Es dauerte ein paar Minuten dann stand Yungdrung Norbu unser Küchenjunge auf und sprach sehr wortgewandt und sicher. Nun lief  die Uebersetzung rückwärts. Er sprach in Nepali, Rinpoche übersetzte ins tibetische zu Dawa und Dawa für mich ins Englische.
Yungdrung Norbu sagte, auch wenn ich nicht seine Mutter sei, hätte er noch nie so viel Liebe bekommen wie von mir. Seine Eltern seien Alkoholiker und es wurde viel gestritten zu Hause. Als er vor drei Jahren ins Kloster zu Rinpoche kam, fühlte er sich wie im Himmel. Und dann kamen die Kleiderpakete aus der Schweiz und er hätte zum ersten Mal schöne Kleider bekommen…….
Als zweites stand Tashi auf. Ich hatte immer das Gefühl dass ich ihn nicht erreichte – wie habe ich mich getäuscht. Tashi sagte, dass er mich nun schon seit vielen Jahren kenne. Er sei als kleiner Junge ins alte Kloster gekommen. Seinen Vater kenne er nicht und seine Mutter hätte ständig andere Männer mitgebracht. Sie habe ihn nie besucht und als ich vor vier Jahren, das erste Mal im Kewzing Kloster Kinderheim war, wusste er, ich sei seine Heidy Amala. An seine richtige Mutter erinnere er sich auch kaum mehr und er sei so glücklich, dass es mich gebe………….ufffffffff heul heul heul. Ich sass auf dem Sofa, atmete tief und machte innerlich Tonglen. Das ist eine Meditationspraktik um Schmerz von anderen aufzunehmen und umzuwandeln.
Als dann der 15 jährige Yungdrung Namgyel aufstand, war es um meine Haltung vollends geschehen. Er sagte: „Meine Eltern stritten und tranken immer. Oft wurde mein Vater gewalttätig. Wir Kinder mussten dann oft das Haus verlassen und im Wald übernachten, damit wir sicher waren. Dort gab es wilde Tiere und wir waren immer voll Blutegel. Als mich dann der Blitz traf kümmerte sich auch niemand um mich. Ich lag in einem ganz schlechten Dorfspital und starb fast vor Schmerzen.“ Er weinte beim Reden und mir liefen  Tränen ohne Ende runter. Er sagte dann weiter: „Als mich meine Tante von zu Hause fort nahm und zu Rinpoche brachte, war ich das erste Mal in meinem Leben glücklich. Damals wusste ich noch nichts von Heidy la. Als sie nun meine grossen Narben jeden Abend mit viel Feingefühl und Liebe eincrèmte, wusste ich Heidy la ist meine Amala und dafür möchte ich Danke sagen.“  Während ich dies hier aufschreibe sitze ich in Bagdogra am Flughafen und wieder laufen mir Tränen über das Gesicht.
Dann stand der kleine 8 jährige Takla Tashi auf. Er sagte: „ Meine Eltern tranken und wir hatten kein richtiges Haus. Wenn es regnete war zu Hause immer alles nass. Als ich zu Rinpoche kam, hatte ich zum ersten Mal ein Bett und ich darf in die Schule gehen. Ich bin so glücklich, dass ich nun wieder einen Vater und eine Mutter habe und ich habe Dich so lieb Heidy la!“…..ich konnte es nicht fassen….. Bis auf unsere vier Babys Namka Tenzing, Gekochab und Yungdrung Punzok sprachen alle Kinder im Alter von 7 bis 15. Alle weinten und doch merkte ich, wie unglaublich heilsam das Ganze war. Sie sprechen sonst nicht über die Schmerzen ihrer Vergangenheit und nun hörten ihnen hier drei erwachsene Personen mitfühlend zu.
Rinchen, Nagmgyal, Yungdrung Choepel, Yungdrung Tenzing – überall dasselbe Elend. Gewalt in der Familie, keine Schulbildung, zu wenig zu Essen. Als sie fertig waren, sagte Rinpoche, dass er jeden Monat ein Kind auswähle, welches für sein bestes Benehmen, beste Ordnung und beste Schulleistung belohnt werde. Ob ich dies nun machen könne – nur dieses eine Mal. Wie aus der Pistole geschossen sagte ich NEIN! Die Kinder schauten mich mit grossen Augen an. Denn dem Rinpoche zu wiedersprechen geht doch gar nicht Nun, hier hat die Mutter dieselben Rechte, wie der Vater ;-) ich sagte dann zu Rinpoche: Ich finde es super, dass er das mache. Das animiere sicher zu guten Leistungen. Dies sei aber wohl eher ein Vater Ding und ich sei die Mutter. Ich belohne heute alle unsere Kinder denn ich sei auf alle sehr sehr stolz! Da war die Stimmung wieder hergestellt. Alle lachten und Rinpoche erkärte sich auch lachend einverstanden. So bekamen alle von mir ein kleines Sackgeld 20 Rupies für die Kleinen, 100 bis 12 Jahre und die Grossen bekamen 500 Rupies (etwa 6 CHF). Ich schaute bei der Uebergabe des kleinen Sackgeldes jedem sehr bewusst in die Augen, sagte seinen Namen und bedankte mich mit einem kurzen Drücker und bei den Kleinen mit einem dicken Knuddel! Anschliessend machten wir noch ein Gruppenfoto. Die Kinder verabschiedeten sich dann ins Bett. Es war inzwischen bereits 21.30 Uhr geworden.
Rinpoche sagte dann heute hätte er doch auch fast geweint. Ich sagte dann, dass er das innerlich mache und dass dies schon ok sei. In der Nacht machte ich kein Auge zu. Ich war und bin immer noch sooooo berührt. Unsere Buben sind doch einfach die grössten und ich bin glücklich, dass sie nun neben mir auch noch zwei Omas (Sonja und Ida) bekommen haben, die auch alle ins Herz geschlossen haben!
Heute Morgen war die Stimmung dann sehr entspannt. Am frühen Morgen kamen wieder gross und klein in mein Zimmer. Es war wirklich etwas weggefallen an Schmerz und Leid gestern, als alle angehört wurden, und sie ihre Lebensgeschichte erzählen konnten. Beim Abschied umarmten mich auch die sonst eher etwas zurückhaltenden grossen Jungs herzlich. Es ist eine noch viel grössere Nähe entstanden und es flossen nur wenige Tränen. Was für ein Wunder.
Nach dem Frühstück brachten mich dann Rinpoche und Dawa nach Bagdogra zum Flughafen. Die Fahrt verlief einwandfrei. Nach vier Stunden erreichten wir Siliguri. Der Abschied war dann schon noch einmal emotional. Wir verteilten gegenseitig Kathakschals und Ripoche drückte seine Stirne an meine. Das Zeichen für Gleichwertigkeit……nun geht bald mein Flug nach Delhi. Ich wurde in diesem Monat in Sikkim so reich beschenkt. Die Zeit mit Sonja und Ida war einfach wunderbar. Drei Frauen, quasi 24 Stunden zusammen und nie ein Streit. Wir lachten, weinten und arbeiteten zusammen. Was für ein Segen. Die Kinder sind um zwei Omas reicher.
Vor allem das Meetig am letzten Abend war ein heiliges Geschenk. Anders kann ich dies nicht ausdrücken! Ich reise nun so sehr erfüllt, berührt und glücklich zurück und freue mich natürlich besonders auf Rainer welcher ich doch sehr vermisst habe, meine Familie und Freunde!

Lieben Dank an alle, welche unsere Projekte mit so viel Herz unterstützen!

Tagebuch Sikkim April 2016 
Besuch am frühen Morgen um 5.30 Uhr.

Tagebuch Sikkim April 2016
Love, Heidy

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