Tagebuch
Sikkim 23. März bis 26. April 2018

23. März. Und nun geht wieder alles sehr schnell: ich habe damit begonnen meine Koffer zu packen und in einer Woche bin ich bereits in Sikkim. Unglaublich... Gestern war ich noch schnell beim Arzt, Dr. Dillier, um die gespendeten Medikamente abzuholen. Er hat uns wieder eine grosse blaue Wund(er)kiste voll mit bester Ware für unsere Sikkim Kinder gespendet. Dann hat mir Sonja noch über ihre Tochter Sahrah ausgemusterte aber noch sehr gute medizinische Produkte von der Spitex gebracht und vom Spital Sarnen haben wir auch wieder eine grosse Schachtel Verbände bekommen. Ich fülle damit die Hälfte eines grossen Schalenkoffers. Für die medizinische Versorgung ist gesorgt!

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Im Keller stapeln sich Säcke mit Kleidern welche eingeladen werden wollen. So viele Menschen haben etwas für die Kinder gestrickt und genäht. Und dann habe ich natürlich noch viele Spielsachen bekommen. All die Plüschtierchen, Puppen, Seifenblasen, Luftballone, Farben, Papier etc wollen auch nach Sikkim reisen Gabriela konnte ja nicht wiederstehen noch Sachen einzukaufen und lieferte mir eine Tasche mit Plüschtierchen für die Mädchen mit folgenden Worten ab: „Gell, das kannst Du schon auch noch einladen!? Es ist ja nicht schwer. Du kannst es ja zwischen andere Sachen stopfen“. Und Silvia kam noch mit einem wunderschönen Pulli und mit drei flauschigen Schals und sagte: „Wenn Du keinen Platz mehr hast, könnt ihr drei die ja anziehen“. Ich stehe etwas verzweifelt vor dem riesigen Berg und kann mir gar nicht vorstellen, wie das alles in meine Koffer passen soll. Also werde ich für die Reise fast meine gesamte Kleidung in Schichten anlegen. Darüber trage ich eine Jacke, welche gespendet wurde, und verschenke sie dann kurz vor der Rückreise aus Kathmandu an Tenzin. Ausser den völlig unersetzlichen Artikeln (Volumen-Haarschaum!) ist dann fast nichts mehr von meinen eigenen Sachen im Koffer. Dafür sehe ich wohl aus wie das Michelin-Männchen. Na egal – ich geh ja nicht auf einen Schönheitswettbewerb.


Jedenfalls habe ich den ganzen Morgen gepackt. Ich bin sicher 50 Mal vom Keller in die Küche hoch gerannt und wieder runter. Und tatsächlich hatte am Ende alles irgendwie Platz. Alles nur eine Frage der Organisation! Bis Donnerstag arbeite ich noch und am Freitag reisen wir dann auch schon ab. Ich habe gerade sehr viel Energie und Disziplin und so ist hoffentlich bis zum Abflug wirklich alles erledigt.


30. März: Geschafft! Alles ist bereit. Ein grosser Koffer, eine riesige Reisetasche, der Trekkingrucksack und mein «Handtäschli», in welchem auch noch einmal etwa 5 kg reingestopft sind, liegen auf der Veranda bereit. Es ist so ein schöner Morgen. Ich bin bereits seit 5.15 Uhr auf den Beinen. Ich geniesse mein Zuhause noch in Vollen Zügen. Gerade habe ich noch die letzten Rechnungen von der Praxis geschrieben und zum Briefkasten gebracht. Unten im Tal liegt der Nebel und hier oben ist alles gefroren. Vor dem Küchenfenster weiden friedlich vier Rehe. Was für ein Bild. Dann steigt die Sonne über den Rudenzer Berg. Es kommt mir vor, als möchte sich mir mein zu Hause von seiner besten Seite zeigen, bevor ich abreise.


Sonja und Urs kommen mich um 9 Uhr abholen. Urs fährt uns nach Zürich zum Flughafen. Wir laden das Gepäck ein. Ein letzter Blick auf Haus und Garten und dann geht unsere Reise los. Urs fährt uns wie am Schnürchen nach Zürich. Dort warten bereits Ida und Albi auf uns. Wir geben die sechs Gepäckstücke am Schalter ab und gehen noch in Starbucks einen Kaffee trinken. Dann verabschieden wir uns von Albert und Urs. Ich kann es fast nicht glauben. Es ist ein ganzes Jahr vergangen, seit ich Ida das letzte Mal gesehen habe und doch kommt es mir vor, als ob wir drei gerade gestern zusammen in Sikkim unterwegs waren.


Wir passieren die Passkontrolle und den Sicherheitscheck. Alles läuft reibungslos. Wir freuen uns auf unsere gemeinsame Reise. Wie immer: Flug LX 146 mit der SWISS nach Delhi. Seit Aschermittwoch habe ich keinen Alkohol mehr getrunken, aber jetzt feiern wir mit einem Fläschchen Prosecco und einem Rotwein. Die Zeit vergeht wie im Flug. Wir reden, lachen und schauen zwischendurch einen Film auf dem Monitor. Und bereits hat der Flugkapitän die Landung angekündigt.


Kurz vor Mitternacht kommen wir in Delhi an. Ich habe das erste Mal ein „elektronisches“ E-Visum aus dem Internet gezogen – ob das klappt? Ida hat mir noch erzählt, dass Bekannte von ihr damit nicht einreisen konnten. Aber ich habe Glück und es gab kein Problem. Beim Desk des Transithotels wurden wir bereits erwartet. Letztes Jahr hatten wir beim Sicherheitscheck des Hotels ein Riesendrama und verbrachten rund zwei Stunden mit Warten, bis wir endlich ins Bett konnten. Diesmal ging es reibungslos.


Geschlafen habe ich fast gar nicht – ich bin zu aufgeregt. Aber ist trotzdem besser mitten in der Nacht in einem sauberen Bett zu liegen, als 12 Stunden in Flughafenhalle rumzuhängen. Am Morgen bekommen wir die Nachricht, dass unser Flug Verspätung hat. Auch nichts Neues. Ich habe noch niemals einen innerindischen Flug ohne Verspätung gehabt. So haben wir genug Zeit gemütlich zu Frühstücken.


Wegen dem Zoll mussten wir unser ganzes Gepäck schon in Delhi entgegen nehmen und konnten es nicht gleich nach Bagdogra durchchecken. So sind wir nun – mittlerweile ist es der 31. März - wieder beim Checkin der Indian Air. Die Dame am Schalter ist sehr nett. Von hier an müssen wir das Übergepäck bezahlen. Normalerweise kostet dies für 70 kg unverschämte 400 CHF. Aber diesmal gab uns die freundliche Dame Rabatt und wir konnten die Koffer für 270 CHF aufgeben. Das Glück ist auf unserer Seite.


Der Flug von Delhi nach Bagdogra startet mit nur rund drei Stunden Verspätung und wir kommen am Nachmittag gut in Bagdogra an, wo uns Rinpoche freudenstrahlend erwartet. Wir tauschen die traditionellen tibetischen Kata-Schals aus und fahren los. Normalerweise gehen wir immer auf der Fahrt etwas Essen. Dieses Mal sagen wir, dass wir nach Sikkim durchfahren wollen – wir wollen nach Hause. Die Kinder warten. Die Fahrt verläuft ausnahmsweise mal ohne Probleme und bereits nach viereinhalb Stunden kommen wir gegen 20.30 Uhr in Sikkim an. Was für ein Bild. Jetzt bin ich schon das achte Mal hier und habe es noch nie geschafft, bei der Ankunft ein Foto oder ein kleines Filmli zu machen, weil ich immer so emotional hingerissen werde. Als Empfangskomitee stehen hier 40 Kinder – Jungen und Mädchen in einer Reihe bereit.

Sie halten zwei Willkommensplakate für uns in die Luft. Alle Kinder haben weisse Katas für uns in der Hand. Wir begrüssen die Kinder eines nach dem anderen. Neue und alte Gesichter. Jungs und Mädchen gemischt. 30 Buben und 9 Mädchen. Als ich dann vor Sonam stehe, kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich höre ihn nach der Gaumenspaltenoperation vom letzten Mai, das erste Mal Reden. Was für ein Geschenk! Er ist nun 17 Jahre alt und hat erst nach der Operation reden gelernt. Was für ein Gefühl das für ihn wohl ist…………….


Nach dieser herzlichen Begrüssung gibt es noch ein Abendessen in der Küche. Anschliessend beziehen wir unsere Zimmer. Ja, auch hier bin ich zu Hause. An die Matratze muss ich mich zuerst wieder gewöhnen, denn sie ist steinhart. Soll ja gesund sein… Dafür ist das Kissen schön weich. Ich geniesse es mich in die weiche Wolldecke und die darüber liegende grosse Decke zu kuscheln. Es dauert nicht lange und ich falle in einen Traum. Ich weiss dabei, dass ich träume und es ist schön.


Am Morgen um 3.30 Uhr erwache ich kurz. Dann schlafe ich noch einmal ein und erwache endgültig um 5.30 Uhr. Der Tag ist bereits angebrochen. Es ist schönes Wetter. Ich öffne die Vorhänge und geniesse das milde Morgenlicht. Dann mache ich 54 Niederwerfungen: buddhistische Morgengymnastik! Das bringt den Kreislauf auf Touren und macht fit. Ich habe mir vorgenommen dies jeden Tag morgens und abends zu tun.


Draussen höre ich bereits Kinderstimmen. Ich bin glücklich.


Um 7.00 Uhr gibt es das Frühstück. Hier angestellt ist nun eine junge Frau, die als Sekretärin arbeitet und die Mädchen betreut, sowie eine ältere Frau, die zum Waschen und Putzen angestellt ist. Wie sich herausstellt ist die „ältere Frau“ 48 Jahre alt… Sie ist Witwe und die Mutter von Sonam Lendup, der auch hier im Kloster aufgewachsen ist, aber nun im grossen Kloster in Kathmandu studiert. Sie ist sehr arm und hatte früher oft zu wenig zu Essen. Es ist natürlich schön, dass sie nun hier arbeiten kann. Und natürlich habe ich Freude, dass es wirklich sichtbar sauberer geworden ist. Sie bekommt den gleichen Lohn, wie unsere Köche. So erhält sie Würde und eine richtige Anstellung. Sie will auch versuchen Nepali zu lernen. Das ist die Hauptsprache in Sikkim. Bisher spricht sie nur Lepcha. Das ist eine eigene Sprache, welche in ihrem abgelegenen Dorf gesprochen wird. Da sie nie aus dem Dorf herausgekommen ist, kann sie die offizielle Landesprache Nepali nicht sprechen. Das wird sich hier mit den Kindern sicher bald ändern.

Unser Koch ist übrigens auch Witwer – wer weiss… Mir gefällt es, dass nun mehrere Generationen hier unter einem Dach wohnen. Das jüngste Kind ist 4 und der Koch ist Mitte 60.


Wieder werden wir um 10 Uhr mit einem feinen Schwarztee beglückt. Schliesslich sind wir hier ganz in der Nähe des weltbekannten Darjeeling Teegebiets. Es ist beinahe so, als ob wir im letzten Jahr gar nicht abgereist wären. Anschliessend besuchen wir zum ersten Mal das Mädchenheim. Ich bin überwältigt. In mir läuft ein Film ab: Vor vier Jahren hatte ich im Dolpo diese Vision vom Mädchenheim und nun steht es vor uns. Seit der ersten Idee hat so viel wunderbar zusammengespielt. So viele Menschen sind an diesem Projekt beteiligt, auch welche, die ich gar nicht persönlich kenne. Meine Freundinnen und Freunde erzählen ihren Bekannten von diesem Projekt und so ziehen sich die Kreise immer weiter und weiter vom Ursprung fort. Und doch verbindet dieses wundervolle Projekt uns alle miteinander. Irgendwann will ich ein „Rosa World Wide“ Fest machen, aber das dauert wohl noch eine Weile. Jedenfalls bedanke ich mich jetzt schon mal hier bei allen Beteiligten, vor allen denen die mir noch nie persönlich begegnet sind, für ihr Engagement an unserem Projekt.


Das Haus ist richtig schön geworden. Riesengross, mit vielen Zimmern. Zur Zeit ist im untersten Stockwerk noch die Dorfschule untergebracht. Denn diese wurde wegen dem Universitätsbau geschlossen – noch bevor ein neues Schulhaus für all die Kinder parat war. Wenn wir diese Räume nicht zur Verfügung gestellt hätten, wären rund 100 Kinder und 7 Lehrer auf der Strasse gestanden. Als Gegenleistung hat uns das Gouvernement von Yangang eine eigene Wasserleitung sowie die Hälfte des Blechdaches auf dem Mädchenheim bezahlt. Ich denke es ist nicht schlecht, wenn der Staat von Sikkim dem Kloster noch einen dicken Gefallen schuldet. Wer weiss, wann und wo sich das auszahlen wird…


Inzwischen ist es Nachmittag geworden. Ich bin gerade jetzt bei Sonja und Ida zum Tee eigeladen. Sonja hat ihre grosse Tasche ausgepackt und führt uns all die wunderschönen Sachen vor, die sich darin befinden. Viele sehr schöne Kleider für die Kinder. Sorgenpüppchen erster Güte hat eine liebe Frau selbst gestrickt. Eines schöner als das andere. Das können diese Kinder sehr gut gebrauchen. Denn am Abend im Bett kommen unseren Kindern hier sicher auch oft ihre Sorgen in den Sinn. Alles was sie zu Hause schon erlebt haben. Gewalt, Verletzungen, Seelenschmerz. Da können sie sich vielleicht ab und zu einem Püppchen zuwenden, welches die Sorgentränen aufnimmt.


2. April: Heute ist unser erster «Arbeitstag». Er beginnt mit der Kleiderflickstunde! Es ist wunderschönes Wetter und wir geniessen es sehr beim flicken draussen zu sitzen – wie in alten Zeiten. Es ist schon verrückt. Wir sind nun zum dritten Mal in dieser Formation hier in Sikkim und ein wunderbar eingespieltes Team. Ich bin natürlich unendlich dankbar, dass Sonja und Ida so viel Herzblut für Sikkim aufbringen, wie ich. Es könnte nicht besser sein. Sonja und Ida: ich bin sooo dankbar, dass es Euch gibt und ihr mich begleitet. Ihr seid zwei wunderbare Frauen und grosse Seelen!


Um 17.00 Uhr strömen alle Kinder zu uns ins Zimmer. Das heisst 20 Kinder mehr als letztes Jahr. Auch die Grossen sind gekommen. Wie schön! Jetzt üben wir das englische Seefahrerlied «My Bonnie is over the ocean». Wir wollen dieses Lied an der Einweihungszeremonie mit allen Kindern singen. Es ist eine super Gesangsstunde. Alle, vom 4 Jährigen bis zu den 17 Jährigen, Jungen und Mädchen, leisteten vollen Einsatz. Sonja hat etwa 50 Kopien des Liedtextes dabei sowie ein Liederbuch mit weiteren Liedern, welche wir zusammen mit den Kindern singen wollen. Als zweites Lied haben wir das Schweizer Volkslied «Vo Luzern uf Wäggis zio» ausgewählt. Das ist ein Spass, mit den Kindern Giswiler-Deutsch zu üben Nach einer halben Stunde Gesangsprobe, dürfen die Kinder dann Spielen. Wir haben Malbücher, englische Märchenbücher, Puzzles, Murmeln, Spielzeugautos und sonst noch ein paar Dinge zur Verfügung. Es war so friedlich im Zimmer - und dies mit 40 Kindern und jungen Erwachsenen. Wie schön!


Wie immer nehmen wir auch dieses Jahr wieder vor dem Abendessen an den beiden Abendgebeten vor dem Tempel teil. Das eine ist zum Danken für den Tag und das andere zu Ehren Tonpa Shenrab Miwoche (Höchster Buddha der Bön). Anschliessend gibt es wieder ein köstliches Essen von unserer Köchin/Haushaltshilfe Diki zubereitet.


Rinpoche will nach dem Abendessen ein Meeting mit allen Kindern und uns durchführen. Unser Übersetzer Norbu ist inzwischen eingetroffen. Ich freue mich sehr ihn wieder zu sehen. Er war im letzten Sommer mit Rinpoche bei uns in Giswil zu Besuch. Er spricht sehr gut Englisch und ist ein ausgesprochen angenehmer, ganz besonders freundlicher Mensch.


Wir sitzen wieder in Ida und Sonja’s «Suite». Wir drei auf dem Korbsofa, links Rinpoche und rechts Norbu. Alle Kinder sitzen vor uns auf dem Boden. Rinpoche sagt zuerst ein paar Worte zu den Kindern. Er stellt uns den Neuankömmlingen aus dem vergangenen Jahr vor. Dann übergibt er das Wort an mich. Ach - ich fühle mich so wie eine Glucke mit 40 Kücken. Ich schaue in all die Augen, die mich anschauen und empfinde eine tiefe Liebe für diese Kinder. Manchmal denke ich, das ist in uns Frauen wohl einfach so angelegt. Dieses Muttergen. Mutterliebe. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Immer wenn ich die Kinder hier sehe, geht mein Herz noch mehr auf.


Ich erzähle ein bisschen aus unserem Leben in der Schweiz und heisse die neuen Kinder willkommen. Dann sage ich ihnen, wie wichtig sie für mich sind, und dass es für uns ein Geschenk ist hierher kommen zu dürfen. Es ist eine schöne Stimmung. Rinpoche hat mich noch gebeten, den Kindern zu sagen, wie wichtig Bildung sei. Dies tue ich dann auf meine Art. Die Kinder hier sind wirklich sehr lieb und haben ein unglaublich gutes Benehmen. Nie wäre eines von ihnen frech zu uns.


Der kleinste Junge liegt in Sonjas Armen und schläft während des Meetings ein. Ein paar andere, vor allem die Kleinen, kämpfen auch mit dem Schlaf. Irgendwann ist es dann fertig. Norbu macht noch ein Gruppenfoto und dann verteilt Ida an alle Schokolädli. Anschliessend kriechen alle in die Betten. Ich schreibe mir noch auf, wer stark hustet, damit ich diese Kinder morgen mit Vickssalbe und gegebenenfalls auch mit Medikamenten versorgen kann.


Die neuen Kinder sind schon völlig integriert und auch uns gegenüber bereits sehr zutraulich.


Wir sind nun drei Tage bei Geshe la, beim Abt des anderen Bön Klosters in der Nähe zu Besuch. Wir drei bekommen jede einen gesegneten Phurba geschenkt. Ein Phurba ist ein Keil aus Metall auf welchem diverse Symbole graviert sind. Unter anderem am oberen Ende ein Totenschädel. Die Bön sind eine schamanische Linie. Der Ursprung der Religion in Tibet und anderen Regionen im Himalaya. Die Buddhisten in Tibet haben viele Rituale der Bön übernommen. Als Laie erkennt man keinen Unterschied. Auf alle Fälle soll uns dieser Phurba vor bösen Mächten und schwarzer Magie beschützen. Dieses Geschenk nehmen wir von Herzen gerne an. Wir bringen natürlich auch Geschenke mit. Vor allem Kleider und auch Spiele für die jungen Mönche, die hier leben. Glücklicherweise wird dieses Kloster von einer wohlhabenden Frau aus Deutschland unterstützt. Wir bleiben drei Tage und geniessen natürlich das Wiedersehen mit den vielen bekannten Gesichtern.


5.April: Heute haben wir für alle hier anwesenden Mönche Momos machen lassen. Diese könnte man wohl als „tibetische Riesenravioli“ beschreiben. Wir drei wurden gefragt, ob wir auch Fleisch möchten. Wir entscheiden uns aber für die vegetarische Variante. Wer hier in Sikkim einmal in einer Metzgerei war, wird garantiert Vegetarier. Damit es den Leser/innen meines Tagebuches nicht übel wird, verzichte ich auf einen ausführlichen Beschrieb… Aber die Kinder hier sind natürlich glücklich über die Hackfleischfüllung in ihren Momos. Fleisch ist trotz der erbärmlichen Qualität sehr teuer und das gibt es hier nur ganz, ganz selten – eben wenn jemand wie wir hierher kommt und alle dazu einlädt.


Nicht weit weg vom Kloster liegt der kleine Lebensmittelladen von Chandra und seiner Familie. Dieses Geschäft ist etwas kleiner als bei uns eine Garage für ein kleines Auto. Seit meinem ersten Besuch hier vor sieben Jahren, komme ich immer wieder gerne. Chandra und seine Frau Brinda haben drei Kinder. Inzwischen sind diese zu Jugendlichen herangewachsen. Wir sind uns einig: Alle drei sind wunderbare junge Menschen geworden. Sie reden recht gut Englisch und freuen sich über unseren Besuch. Wir bekommen einen super feinen süssen Gewürztee serviert und unterhalten uns, so gut es die Sprachschwierigkeiten zulassen. Es gibt ja auch die Sprache auf Herzebene und diese funktioniert tiptop. Gleich um die Ecke wohnt Dipa mit ihrem Mann und Sohn auf einem Bauernhof. Sie haben ein ganz einfaches Haus. Die Wände bestehen aus Bambusgeflecht und Lehm. Es ist wirklich eine «Villa Durchzug.» Die Böden bestehen aus Stampflehm und das Dach besteht aus einer Plastikfolie – darüber Bambus. Dipa arbeitet als Hausmutter im benachbarten Kloster. Ihr Wesen ist von einem ganz besonderen Glanz. Und ihr kleines sehr einfaches Haus ist blitzblank sauber. Sie serviert uns auch einen Tee und ein gekochtes Ei. Wir geniessen es, hier Gäste sein zu dürfen. Zwei unserer Mönche, Oungdak und Wangchuck kommen auch noch schnell zu Besuch bei der Nachbarin. Wir haben es noch lustig und schauen uns Fotos an. Dann wird es Zeit zum Weitergehen.


Bald ist Mittagszeit. Wir fahren mit dem Taxi wieder zurück nach Yangang in „unser“ Kloster respektive Kinderheim. Bereits ist eine Woche vergangen, seit wir in Zürich ins Flugzeug gestiegen sind. Nun werden wir nur noch zwei Wochen hier sein. Am Ende kommen Terry, Anna Maria und Rainer zu der offiziellen Einweihung des Mädchenheimes. Rinpoche hat gesagt, dass etwa 200 Personen daran teilnehmen werden. Ich bin mal gespannt und muss mich langsam mit der Ausarbeitung der Rede, die ich bei der Gelegenheit halten soll, beschäftigen.


Inzwischen haben wir uns in Yangang wieder völlig eingelebt. Die Kinder freuen sich natürlich sehr über unser Dasein.


Heute am Samstag habe ich mit Rinpoche und Norbu ein langes Meeting. Wir haben sehr viel zu besprechen. Es geht vor allem um die Finanzen. Norbu hat eine ausführliche Liste angelegt über alles, was sie hier brauchen. Ein sauber strukturiertes Budget. Ein Teil ist eine Zusammenstellung über die jährlich wiederkehrenden Kosten. Und dann gibt es noch einige bislang nicht budgetierte Posten. Die Zimmerböden des Mädchenhauses sind aus Beton. Das klingt eigentlich sinnvoll: leicht zu reinigen und angenehm kühl im Sommer. In Wahrheit ist es anders. In Südsikkim wird es im Winter empfindlich kalt und zwar ekelig nasskalt. Und im Sommer ist es schwülheiss. So sind die Betonböden immer etwas feucht. Da es keine Heizungen gibt, tut es richtig weh zu beobachten, wie die Kleinen im Winter mit nackten Füssen auf den kalten und klammen Betonfussböden herumspazieren. Daher haben wir letztes Jahr beschlossen, dass wenigstens in den Schlafzimmern Holzböden installiert werden sollen. Holzbretter sind hier allerdings im Verhältnis zu den anderen Baumaterialien sehr teuer. Sie müssen offenbar von weither importiert werden. Obwohl es genügend Bäume in der Umgebung gibt, fehlt anscheinend ein Sägewerk. Vielleicht sollte ich beim Forst Giswil mal eine Lieferung als Spende beantragen - Bemerkung für Insider…


8. April: Sonntag. Wir machen gerade die Geschenke für die Mädchen bereit. Wir haben beschlossen die 9 Mädchen separat von den 30 Buben mit unseren mitgebrachten Geschenken zu beglücken. Nun schleppen wir die gefüllten Taschen über den Fussballplatz herüber zum Mädchenheim. Die Girls spielen draussen. Wir rufen, und schon rennen uns entgegen und laufen gemeinsam mit uns in ihr Zimmer. Im Zimmer schreiben wir auf kleine Zettelchen ihre Namen, welche wir dann in eine Tüte legen. Anschliessend packen wir all unsere Geschenke aus und drapieren sie auf dem Boden. Die Augen der Kinder leuchten und werden gross. Wir ziehen dann aus der Tombola nacheinander die Namenszettelchen und so kann ein Mädchen nach dem anderen ein Geschenk aussuchen. Wir haben wunderschöne Kleider, Socken, Pullis, Schals, Schuhe, und Ketteli für alle neun Mädchen. Die hat die 6 jährige Kayla, das Grosskind von Sonja gespendet. Es ist wirklich berührend, dass ein kleines Mädchen aus der Schweiz, freiwillig schöne Sachen weggibt, um diesen Mädchen in Sikkim eine Freude zu machen. Wir haben es total lustig mit den Girls. Denn die Pullis, Socken etc müssen ja anprobiert werden. Am Schluss machen wir noch Gruppenfotos. Auf einem Foto ist auch der Scheck von der PK Bau AG platziert, die das Kinderheim mit einer grosszügigen Spende bedacht hat. Die Mädchen stolzieren den ganzen Tag bei herrlichem Sonnenschein mit ihren neuen Wollmützen umher. Wir haben Freude, dass sie Freude haben.


Wir sitzen nach der Geschenkverteilung draussen beim Tee. Ein paar Mädchen sitzen um uns herum. Da sehe ich, wie sie sich gegenseitig an den Haaren rumwuseln. Schreck lass nach – sie haben alle Läuse  . Nun muss Läuseshampoo her. Die Haare müssen gewaschen werden und natürlich muss die ganze Bettwäsche und alles, was sie anhatten, mit heissem Wasser gewaschen werden. Alle verfügbaren Frauen im Kloster helfen bei dieser Aktion mit. Die Plüschtiere stopfe ich in einen Plastiksack und er kommt in für drei Wochen in Quarantäne. So sterben die Viecher ab. Die Wollmützen lege ich für drei Tage ins Gefrierfach…………… Und jetzt habe ich ständig das Gefühl, es krabble was auf meiner Kopfhaut herum…………Neurose? Oder doch nur Läuse? Bei den Jungen gibt es keine Probleme. Die werden sowieso alle zwei Wochen kahlgeschoren. Aber bei den Mädchen müssen wir wohl in Zukunft darauf achten, dass Neuankömmlinge erst mal sorgfältig mit Läuseschampoo behandelt werden.


Am Nachmittag besuche ich Rinchen in seinem Zimmer. Ich will mit ihm reden, was da im letzten August genau los war, als er einen Monat bei seinen Eltern verbrachte. Er erzählt mir, dass seine Eltern ihn gezwungen hatten, mit ihnen nach Hause zum Arbeiten zu kommen, als Rinpoche bei uns in der Schweiz zu Besuch war. Es passiert leider gelegentlich, dass die Eltern respektive andere Verwandte kleine Kinder im Kloster abgeben und dann, wenn sie gross genug für die Feldarbeit sind, wieder abholen und als billige Arbeitskräfte einsetzen. Allerdings erhalten die Kinder im Kloster einen Bildungsstand, der mit Feldarbeit in keiner Weise befriedigt wird. Rinchen war daher sehr unglücklich, weil er nicht wusste, ob er wieder zurück ins Kloster kommen konnte, um die Schule abzuschliessen und anschliessende eine Ausbildung zu machen. Er bedankte sich sehr für den Brief, welchen ich ihm geschrieben hatte und Rinpoche ihm dann nach seiner Rückkehr übergab. Ich schenkte Rinchen dann das Vergebungsbuch von Collin Tipping auf Englisch. Denn er hat sehr viel Groll in seinem Herzen gegen seine Eltern und er hat wohl auch gute Gründe dafür. Da er sehr gut Englisch spricht und sich für vieles interessiert, kann ich mir vorstellen, dass dieses Buch im ein bisschen hilft, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schliessen. Anschliessend frage ich ihn, ob er mir helfe, alle Namen der Buben aufzuschreiben. Er macht das gerne und inzwischen sind noch ein paar andere Kinder ins Zimmer geschlichen und helfen uns beim Erstellen der Namensliste. Am Abend machen wir die Geschenkverteilung für die 30 Buben. Alles wird schön ausgebreitet im Zimmer von Sonja und Ida. Punkt fünf Uhr kommt Rinpoche mit allen Buben, dem Koch Aka und unserem Uebersetzer Lama Norbu in unser Zimmer.


Dann kommt allerdings der Schock, der zweite aus der Tombola gezogene Name ist Nadin. Dies ist der Privatname eines der neu angekommenen Jungen und nicht sein offizieller Klostername. Rinpoche sagt, dass dieser Junge kein Geschenk auslesen dürfe, da im Kloster ausschliesslich die Klosternamen benutzt werden müssen. Ich erwidere ohne nachzudenken, dass das nicht fair sei. Nun bricht aus Rinpoche das tibetische Khampa-Temperament durch. Er stammt ab von den Khampa-Kriegern aus Tibet, welche als sehr rauhbeinig bekannt sind. Er ist zornig und lässt seinen Ärger an den Buben aus. Sie hätten ihren Klosternamen zu benutzen und nicht den Privatnamen. Aus irgendwelchen Gründen ist ihm das sehr wichtig. Ich sage ihm, dass es meine Schuld sei, denn ich habe die Namen aus dem Gedächtnis aufgeschrieben und habe die der neuen Kinder wohl durcheinandergebracht, da ich sie noch nicht lange kenne. Natürlich verpfiff ich Rinchen und die anderen grossen Jungs nicht, die mir die Namen so angaben. Eine Mutter muss dem Vater nicht immer alles sagen.


Ich gebe ihm nun die Tüte mit den Namenszettelchen, damit er alle kontrollieren kann und diese dann richtig aufschreibt. Er brummelte noch ein bisschen rum und willigte schliesslich ein. So konnte eine grössere Katastrophe abgewendet werden und alle Kinder kamen zu ihren Geschenken. Ich kenne Rinpoche nun schon sieben Jahre und er ist normalerweise sehr fair und ausgeglichen und ich könnte mir keinen besseren „Vater“ für die Kinder wünschen. Aber manchmal kann er aus geringem Anlass zornig werden. Er wird dann zwar laut, aber niemals handgreiflich.


Dieser Eklat vor versammelter Mannschaft hatte mich viel Energie gekostet. Als wir drei Frauen dann wieder alleine im Zimmer waren, wurde ich von Ida und Sonja getröstet. Bei mir flossen Tränen, so baute sich bei mir der doch recht grosse Druck wieder ab. Sonja sass neben mir auf dem Sofa und hielt meine Hand. Dann lachte und weinte ich schon wieder, und bis zum Abendessen war ich soweit wieder gefasst, dass wir alle gemeinsam das Essen einnahmen.


Im Nachherein betrachtet war es vielleicht nicht klug von mir die Autorität von Rinpoche anzugreifen – auch wenn er objektiv klar im Unrecht war. Aber eben so wenig wie Rinpoche aus seinen Verhaltensmustern ausbrechen kann, kann ich es aus meinen. Ich ertrage solche Ungerechtigkeiten nicht und werde immer für die Kinder einstehen, wenn so eine Situation entsteht.


9. April: Heute Morgen beim Frühstück ist die Atmosphäre noch etwas kühl, aber schon wieder viel entspannter. Rinpoche bringt heute Norbu nach Shiliguri zurück und geht dann all die Sachen einkaufen, die wir hier noch dringend brauchen. Eine Solaranlage für das Mädchenheim, damit sie im Winter warmes Wasser haben zum Duschen, eine Ueberwachungskamera für den Aussenbereich des Mädchenheims (aus Sicherheitsgründen), eine Waschmaschine, und einen Generator, da hier dauernd der Strom ausfällt. Sonja, Ida und ich reisen mit bis Singtam. Hier wollen wir ein Paket mitnehmen, dass Ida noch aus der Schweiz gesendet hatte. Anscheinend hat die indische Post beschlossen, dass wir noch 100 CHF Zoll bezahlen müssen. Das war bei den rund 20 früheren Paketen nie der Fall. Wir sind massiv konsterniert, aber bezahlen den Betrag, weil wir ansonsten das Paket von der Poststelle in Singtam nicht ausgehändigt bekommen. Vermutlich hat sich damit mal wieder ein korrupter Beamter die Taschen gefüllt. Da bereits ein weiteres Paket von Sonja hierher unterwegs ist, sind wir gespannt, ob wir dies auch wieder bezahlen müssen. Ich werde zu Hause abklären, wie viel ein Paket aus der Schweiz mit DHL oder einem anderen internationalen Lieferanten kostet. Denn wenn wir noch zusätzlich zum Porto 100 CHD Zoll zahlen müssen, können wir keine Pakete mehr aus der Schweiz hierher senden. Das würde viel zu teuer.


Sonja hat noch eine nicht zweckgebundene Spende von einer grosszügigen Bekannten bekommen, mit der wir die Waschmaschine für das Mädchenheim bezahlen und noch einen Teil der Momos, welche wir für alle Kinder machen wollen am kommenden Wochenende.


Für die Momos brauchten wir rund 10kg Fleisch. Dieses Fleisch hat Rinpoche in Singtam bestellt. Ida, Sonja und ich sind nun in Singtam am Shoppen für unsere Kinder. Anna Maria, Präsidentin der Othmar Bamert Stiftung, die den Neubau für die Mädchen finanzierte, hat mir den Auftrag gegeben Geschenke für die Kinder zu organisieren. Sie will diese dann nach der offiziellen Einweihung des Mädchenheims verteilen.


Wir geniessen das Shoppen und wir haben schon bald ein super Geschäft gefunden. Dort kaufen wir für alle 40 Kinder Unterwäsche und Regenschirme. Uns wird massenweise Wäsche präsentiert. Wir drei beraten und entscheiden. Das ist sehr lustig – wie bei einem orientalischen Basar. Irgendwann sind wir dann aber ein bisschen müde. Uns wird zur Stärkung ein feiner zuckersüsser Kaffee serviert. Schliesslich haben wir alle Artikel eingekauft und fragen nach einem Restaurant. Ein Verkäufer begleitet uns dorthin und anschliessend lädt Sonja uns zum Mittagessen ein. Das Essen für uns alle drei zusammen kostet stolze 5.25 Franken.


Anschliessend suche ich auf meinem Handy die Telefonnummer des Taxifahrers der uns hier abholen soll. Leider finde ich die von mir (sicher!?) gespeicherte Nummer nicht. Mittlerweile ruft Rinpoche, bei dem sich der Taxichauffeur bereits gemeldet hat, beim Ladenbesitzer an. Ich frage dann noch einmal nach der Telefonnummer. Da der Taxifahrer aber kein Englisch spricht, kann ich ihm keine Instruktionen erteilen. Also weist freundlicherweise der Detailhändler den Taxifahrer an, dass die drei Ladys bereit zur Heimfahrt ins Kloster seien. Das Taxi kommt und nun fängt das Chaos erst an. Das Taxi ist klein - im Sinne von WINZIG! Dagegen ist mein Suzuki Swift geradezu eine Limousine. Im offenen «Kofferräumchen» liegt bereits das riese Paket Fleisch in einem Reisssack. Das Blut sickert durch und der „Duft“ auch. Die Ladenbesitzer tragen all unsere Einkäufe, sowie das grosse Paket Richtung Taxi. Ich rufe laut STOPP, als sie unsere Pakete mit den Kleidungsstücken auf den blutigen Sack legen wollen. Die Ladenbesitzer sind so freundlich eine grosse Plastikfolie zu holen und das Fleisch abzudecken. Anschliessend beladen sie den Kofferraum. Nun ist die Frage wohin mit dem grossen Paket? Wir drei sitzen auf dem Rücksitz bereits bis obenhin Beladen mit Einkäufen. Also muss das Paket auf den Vordersitz. Der Taxifahrer dreht und stösst das Paket wie verrückt. Aber egal in welche Richtung es geschoben wird, es hat keinen Platz. Zuerst geht die Türe nicht mehr zu. Dann kann der Ganghebel nicht mehr bedient werden. Aber die Ladenbesitzer kommen auf eine geniale Idee. Sie machen das Paket auf und packen den Inhalt in kleinere Einkaufstüten um. Das sind: zwei paar Jeans, 17 Pullover, 1 Shirt, 1 Pyjama, 8 Schals, 3 Unterhosen, 80 Handgestrickte Mützen, 88 Paar Socken, 1 Paar Schuhe und 50 Plüschtiere. Geduldig packen drei Verkäufer die Sachen von der Schachtel in kleinere Säcke um. Ein Verkäufer hat sehr grosse Freude an einem Plüschtier mit einem Schweizerkreuz. Wir schenken es ihm. Am Schluss geben wir allen ein Trinkgeld und bedanken uns ausführlich beim Geschäftsbesitzer für seine wirklich sehr grosszügige Art. Das Taxi ist nun etwa so gefüllt wie mein Koffer bei der Abreise aus der Schweiz. Und wir sitzen eingekeilt mitten drinnen. Schaut euch mal die Fotos auf der Face Book Rosa World Wide Seite an!

Dann geht die «Gugelfuhr» Richtung Yangang los. Bei jedem Schlagloch sackt die Materialschüttung im Taxi ein wenig mehr in sich zusammen. Und es gibt Tausende Schlaglöcher. Im Kloster angekommen, hat sich immerhin ein Spalt von mehreren Zentimetern zwischen Schüttung und Taxidach aufgetan. Unglaublich, denken wir: da hätte ja noch mehr reingepasst… und laden alle Sachen wieder aus. Zuunterst kommt wieder der Fleischsack zum Vorschein. Die Abdeckung unter dem Fleisch schwimmt im Blut. Das wäre eine super Kulisse für einen Horrorfilm! Der Taxichauffeur räumt dann sein Auto aus, damit er es waschen kann. Alles im Preis inbegriffen von einer einstündigen Taxifahrt von CHF 11.70!


10. April: Neben der Grippe ist nun auch bei vielen Kindern wieder die «Krätze» ausgebrochen. Wir haben alle Hände voll zu tun. Täglich husten hier mehr Kinder. Einige haben Fieber, Zahnschmerzen und ganz viele melden Kopfschmerzen an. Dann ist noch ein Junge in mein Zimmer gekommen, der den den Ellenbogen und das Knie aufgeschürft hat. Im Dorf unten gibt es so eine Art Drogerie. Dort kaufen wir tonnenweise Vicks creme, Hustensirup, und Toilettenpapier welches uns zur Produktion von Taschentüchern dient. Denn solche gibt es hier in keinem Shop zu kaufen. Das wird hier nicht gebraucht. Auch auf den Tischen beim Essen steht eine hübsche Rolle Toilettenpapier. Was sind wir doch kompliziert in der Schweiz.


In meinem Zimmer ist bereits Namka Tenzin untergebracht. Er hat vermutlich eine Bronchitis. Hohes Fieber. Zum Glück habe ich ja die Medikamente von Dr. Bruno Dillier dabei. Ich schaue, dass Namka pünktlich die Medikamente einnimmt und auch genug trinkt. Das Essen für ihn wird in mein Zimmer geliefert. Der ältere Junge, der das Essen liefert, füttert ihn liebevoll. Gerade jetzt, wo ich das schreibe, sitzen Ida und Sonja am gleichen Tisch. Sie flicken fleissig defekte Kleider und rund um uns herum stehen die Kinder. Denn sie haben gerade eine Pause von der Schule. Sie staunen wohl über die Geschwindigkeit, mit der meine Finger über die Tasten des Laptops huschen und dann beraten sie noch über meine roten Haare. Der Junge links von mir hat mir gerade gesagt, dass er meine roten Haare schön findet.


Sonja hat gerade in ihrem Bett ein Mädchenuntergebracht, das Halsschmerzen hat. Sie schaut noch schnell bei Namka Tenzin in meinem Zimmer vorbei. Dieser hat gerade starkes Nasenbluten. Also renne ich ums Kloster herum und die Treppen raus zu unseren Zimmern. Ich mache einen Lappen mit kaltem Wasser nass und lege ihn dem Jungen auf den Nacken. Rainer würde dieses alte Hausrezept wohl für totalen Blödsinn halten, aber ich baue hier auf einen evidenzbasierten Placeboeffekt. Mindestens! Und Sonja hat den verbluteten Kopfkissenanzug bereits gewaschen.
Ein paar Kinder sortieren nun die sehr grosse Schachtel mit Knöpfen, die Ida zu Hause gesammelt hat, nach Farben. In der Schweiz werfen wir so viel einfach weg und hier sind genau diese Knöpfe, Fäden, Scheren, Einfädler, Knopflochschneider, Stopfkugeln, Häkchen, Sockenfächtchen, so wertvoll.


Am Nachmittag habe ich noch eine Sitzung mit Miss Tsering über sexuelle Aufklärung. Dies habe ich am Tag vorher mit Rinpoche und Norbu besprochen. Ich rede mit ihr über die Mädchen. Gott sei Dank ist Miss Tsering sehr aufgeschlossen und überhaupt nicht verklemmt. Für sie ist es kein Problem mit den grossen Mädchen über Pubertät und die Veränderungen im Körper etc. zu reden. Sie wird sich auch darum kümmern, wenn die Mädchen Binden etc. brauchen. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass die Mädchen lernen, was gute und was schlechte Berührungen sind, und natürlich müssen sie wissen, wie ein Kind entsteht. Miss Tsering hat dies dem ältesten Mädchen bereits erklärt.


12. – 15. April: Ich erwache mitten in der Nacht und habe Schüttelfrost. Mist! Kein Wunder, bei all den kranken Kindern hier. Nun hat mich die Grippe selbst auch erwischt. Ich habe 39°C Fieber. Trotz heissem Wasser schlottere ich durch bis zum Morgen. So um 6.30 Uhr torkle ich ins Zimmer von Sonja und Ida und erkläre ihnen, dass ich krank bin. Mir laufen Tränen über das Gesicht. Das stinkt mir gewaltig. Ich bin für die Kinder hier und nicht zum krank sein. Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr. Ich liege den ganzen Tag im Bett. Diki unsere Köchin, bringt mir das Essen ins Zimmer. Ich habe mich unter der Decke und einer zusätzlichen Wolldecke versteckt. Sie deckt meinen Kopf ab und macht mir eine Kopfmassage. Dann setzt sie mich im Bett auf und findet ich müsse jetzt etwas essen. Aber ich habe keinen Hunger! Ein bisschen Suppe – das reicht mir. Mein Magen hat das viele Wasser satt und irgendwann muss ich mich auch noch übergeben. Rinpoche kommt täglich zu Besuch in mein Zimmer. Die Kinder bringen mir Zeichnungen und Briefe, diese berühren mich so, dass ich mal wieder ein paar Tränen vergiesse.


Als ich am dritten Tag immer noch im Bett bin, sagt Rinpoche, er werde den Dokotor holen. Das Fieber geht ständig rauf und runter. Ich finde ein Arzt bringt gar nichts, denn ich habe gute Medikamente dabei und eine Grippe braucht einfach ihre Zeit. Ich sage aber nichts, weil ich seinem Gesicht ansehe, dass er sich Sorgen macht. Irgendwann kommt dann eine Ärztin mit einem Assistenten. Sie sieht meine Medikamente und findet, dass ich alles habe was ich brauche. Dann misst sie meinen Blutdruck – allerdings mit der Druckmanschette über den Kleidern. Und der Gurt des Blutdruckgerätes ist verdreht. Aber solche Details spielen hier wohl keine Rolle... Ich dachte mein Hausarzt Bruno Dillier würde wohl zusammenbrechen, wenn er dieses Gepfusche sehen würde. Zum Abschluss sagte sie mir, wenn es nicht bald bessere, müsse ich zur Infusion kommen! Ich denke: SICHER NICHT. AUF GAR KEINEN FALL. NIEMALS.!!! In der kommenden Nacht konnte ich endlich so richtig schwitzen. Meine Pyjamas waren tropfnass. Am Montagmorgen war der Spuk vorbei und ich dann wieder unter den Lebendigen. Die Drohung der Ärztin mit der Infusion hatte gewirkt! Allerdings hat es anschliessend auch Sonja erwischt. Sie scheint aber das bessere Immunsystem als ich zu haben, denn die Medis halfen und sie war bald wieder am Arbeiten. Ida wurde bis jetzt verschont!


17. April: Sonja, liegt im Bett. Leider! Denn heute machen wir einen Ausflug in die Stadt. Wir fahren zusammen mit Tsering nach Gangtok, Sikkim‘s Hauptstadt, zu eine Zeremonie weil jemand gestorben ist. Anschliessend gehen wir Einkaufen. Viele unserer Kinder haben Löcher in den Schuhen. Also haben wir eine grosse Einkaufsliste dabei. Schuhe, Wäscheleine, Wäscheklammern, Kopien von Liedtexten, und ganz viel Bodycreme für Yungdrung Namgyel. Der muss täglich seine drei Zentimeter breite und vom Ellenbogen bis unter die Achsel verlaufende Narbe eincremen, damit die nicht einreisst. Vielleicht erinnern sich einige Leser, meiner alten Tagebücher. Yungdrung Namgyel, wurde als Kind vom Blitz getroffen und hatte schwere Verbrennungen. An den Stellen sind heute grosse Narben, die gepflegt werden müssen. Letztes Jahr ist ihm die Salbe schon im Dezember ausgegangen. Das ist problematisch, weil die Narbe dann sofort beginnt zu jucken und anfängt aufzureissen. Die von uns angeschleppten Salben sollten nun für ein Jahr reichen. Um das Problem permanent zu lösen, wäre wohl eine komplizierte plastische Chirurgie erforderlich.


Die Trauerzeremonie, zu der wir nach Gantok gefahren werden, war eindrucksvoll. Wir waren eingeladen in einem sehr noblen Haus in der Stadt, in dem wenigstens 20 Personen Personal beschäftigt waren. Sie trugen dunkle Kleider, weisse Hemden und Blusen, Krawatten und polierte Schuhe. Wir wurden mit Tee und Esswaren aller Art bedient und verabschiedeten uns dann wieder. Die Unterschiede sind unübersehbar. Es gibt auch hier sehr reiche Leute und gleich gegenüber wohnen Menschen in Blechhütten in tiefster Armut.


Nach der Einkaufstour, waren wir noch bei der Familie von Tsering, unserer Hausmutter für die Mädchen, eingeladen. Tsering ist 27 Jahre alt, spricht sehr gut Englisch und ist eine ganz feine Person. Sie kommt aus sehr gutem Hause und wir fragen uns, wieso sie für einen winzigen Lohn – weit weg von ihren Eltern und der restlichen Familie – bei uns im Kloster arbeitet. Finanziell nötig hätte sie es sicher nicht. Ihre Eltern haben uns auch spontan zum Essen eingeladen, da wir gerade in der Stadt sind. Sie bewohnen ein wunderschönes mehrstöckiges Haus. Die Eltern von Tsering haben ein sehr angenehmes freundliches Auftreten. Beim Abschied muss Tsering weinen, denn ihr kleiner Neffe will sie nicht mehr weggehen lassen. Abschied ist halt immer ein bisschen traurig.


18. April: Sonja hat sich, bis auf den hartnäckigen Husten welcher diese Grippe begleitet, bereits wieder gut erholt. Wir sitzen gerade wieder gemeinsam auf dem Sofa und den Stühlen, während ich mein Tagebuch nachführe.


Das Ende unseres Aufenthalts naht bereits in grossen Schritten. Am Samstagabend kommen Anna Maria, Terry und Rainer hier an. Am Sonntag ist dann die offizielle Einweihung des Mädchenheimes und am Montag reisen Rainer und ich bereits nach Kathmandu weiter.


Hier möchte ich noch gerne etwas zu Anna Maria und Terry schreiben. Terry ist, wie ich, bei dem NEFU Frauennetzwerk dabei. Vor ein paar Jahren las sie im Facebook über meine Vision, neben dem Bubenheim, auch ein Mädchenheim in Sikkim zu bauen. Sie sendetet mir dann ein Email mit dem Inhalt, dass sie eine Freundin, Anna Maria, habe, die sich für dieses Mädchenheim interessiere. Ich schickte damals Terry mein aktuelles Tagebuch und eine Zusammenfassung unseres Sikkimprojektes. Kurz darauf wurde ich von Terry eingeladen, um mich vorzustellen. Sie leitete dann ihren Eindruck über mich und das Sikkimprojekt an Anna Maria weiter. Anna Maria ist die Präsidentin der Othmar Bamert Stiftung. Kurz darauf bekam ich dann eine Einladung zum Vorstellen des Mädchenheimprojektes. Rainer bereitete alles sehr professionell vor: Businessplan, SWOT-Analyse.... So trabten wir dann zusammenbei der Othmar Bamert Stiftung in den Hallen der Privatbank Safra Sarasin vor und präsentierten unser Projekt. Einen Monat später teilte mir Anna Maria freudig mit, dass die Stiftung den gesamten Neubau finanzieren werde. Ich konnte meine Emotionen nicht mehr zurückhalten vor Freude und Rührung über diese unglaubliche Nachricht.


Am Abend kommen jeweils alle Kinder, welche Husten etc. haben, in mein Zimmer zur Verpflegung. Ich geniesse diese Augenblicke immer. Dann gibt es manchmal auch die Möglichkeit auf ein Einzelgespräch, ohne dass gleich alle 40 Kinder anwesend sind. Und nun haben wir noch die tägliche Chorprobe, damit die Lieder am Sonntag auch richtig „sitzen“. Vo Luzärn uf Wäggis zio – holje gugu, holje gugu.


19. April: Die Dorfschule hat einen neuen Schulleiter. HILFE! Der war bei Rinpoche zu Besuch. Ich half gerade einem kleinen Jungen sein Zimmer aufzuräumen, als der neue Schulleiter vor der Türe halt machte und mich in ein Kreuzverhör nahm.
1. Guten Tag, sind Sie die Sponsorin hier? Ich: eine davon
2. Wie alt sind sie? Ich: 49
3. Sind Sie verheiratet? Ich JA
4. Sind sie Buddhistin? Nein? Gehen sie zur Kirche – ich nein – er konsterniert
5. Welches ist die Hauptsprache in der Schweiz? Englisch? Ich: Ital. Franz. Roman. und Deutsch. Er: kein Englisch? Ich: nein Englisch ist keine Landessprache. Er: Weshalb können Sie denn Englisch sprechen? Ich: das habe ich in der Schule gelernt, auch wenn es keine Landesprache ist. Und dann kam einfach noch die Knüllerfrage:
6. *********Welcher Kaste gehören Sie in der Schweiz an? Ich: Kaste? Wir haben keine Kasten in der Schweiz! Er: Sie sind eine Kastenlose?????? Ich: Ja In der Schweiz sind alle gleich (ich habe natürlich ein bisschen übertrieben, da mir der Kerl auf die Nerven ging). Kastenlose in Indien sind Menschen, die als absolut wertlos betrachtet werden – z.B. Leichenwäscher, Strassenfeger und Coiffeure!!! ( Unverständlich für uns).


Unter einem Vorwand konnte ich mich dann davonschleichen, denn diese nervige Ausfragerei ging mir massiv auf den Keks. Etwas beunruhigend die Vorstellung, dass dieser Typ der Leiter der hiesigen Schule ist… Man kann es auch positiv formulieren: der Mann hat noch ganz viel Entwicklungspotenzial!


Am Abend um 20.00 Uhr gingen wir drei wie meistens zur Chöd Praxis. Das ist eine Meditationsform aus dem Buddhismus, wo man sich mit den eigenen Schattenseiten auseinandersetzt. („Dämonenfüttern“ im Buch von Alione Tsültrim) Diese Meditation wird mit den Damaru – Handtrommeln und einer Glocke begleitet. Ich hebe geistig immer ab, wenn ich daran teilnehmen darf. Ja, ich geniesse es sehr an den Meditationen teilnehmen zu dürfen. Irgendwann werde ich es mir einrichten, ein paar Wochen nur zu meditieren.


20. April: Heute sind hier allerlei Vorbereitungsarbeiten im Gange. Ein rundes Partyzelt und eine Wellblechabdeckung werden aufgestellt für den Sonntag. Natürlich liegen die Zeltstangen nicht am selben Ort versorgt, wie das Zelt selbst. Und wo sie liegen weiss niemand… Also müssen zuerst mitteldicke Bambusstangen geschnitten werden. Den Kindern macht es allem Anschein nach Spass. Sie rennen freudig umher und helfen tatkräftig mit. Ich
habe einen kleinen Durchhänger: massiver Durchfall. Das raubt mir Energie. Keine weiteren Details Meine Gedanken schweifen: Mein Vater wäre heute 79 geworden – was er wohl zu unserem Kinderheim in Sikkim sagen würde? Ich denke, er wäre wohl ein bisschen stolz auf mich – ich wünsche es mir jedenfalls.

Heute kommen Rainer, Anna Maria und Terry an. Rinpoche ist am Morgen um 6 losgefahren, um die drei pünktlich am Flughafen in Bagdogra abzuholen. Norbu unser netter Übersetzer wird auch dabei sein. Ich freue mich sehr auf Rainer. Er hat einen ausgedehnten Sizillienaufenthalt für eine Woche Sikkim und Nepal unterbrochen. Das bedeutet mir viel. Die Kinder schreiben Willkommensplakate für die drei Ehrengäste. Rainer bezeichnen sie mit «Father Rainer»…..da ich die Amala – also die Mutter bin, ist er logischerweise der Vater.


Endlich ist es soweit. Rinpoche ruft an, sie seien nun in Yangang Bazar. Das ist im Dorf unten. Etwa zwei Kilometer von uns entfernt. Alle Kinder und wir drei Frauen stehen in einer Reihe bereit um Rainer, Anna Maria und Terry willkommen zu heissen. Das Auto fährt vor und die drei steigen aus. Mir rollen Tränen über mein Gesicht. Ich habe Rainer seit einem Monat nicht gesehen und habe ihn doch sehr vermisst. Was für eine Freude bei der Begrüssung. Ida, Sonja und ich stehen inmitten der Kinder und strahlen um die Wette.


Ich bin sehr gerührt, dass Anna Maria und Terry die beschwerliche Reise nach Sikkim auf sich genommen haben. Zuerst ein langer Flug, dann eine kurze Nacht im Flughafenhotel, dann wieder warten am Flughafen. Dann der Weiterflug und anschliessend eine endlose halsbrecherische Fahrt mit dem Auto über 1000ende von Schlaglöchern. Und Sikkim ist für uns Schweizer vom Klima her auch nicht unbedingt ein Schleck. Es ist meistens feuchtkalt, oder feuchtheiss, und dies kann sogar während eines Tages mehrmals wechseln. Natürlich haben unsere Zimmer hier im Heim keine Heizung. Ein Detail: Spiegel gibt es auch nicht, aber für das Mädchenheim werde ich mich darum kümmern . Die Dusche hatte nur kaltes Wasser, manchmal kriechen irgendwelche Viecher auf dem Fussboden herum etc. Liebe Anna Maria und Terry, ich finde es wirklich super von Euch, dass ihr für die Einweihung extra nach Sikkim gekommen seid!


Vor dem Abendessen ist es Zeit für die Abendgebete vor dem Tempel. Jeden Abend um 18.30 Uhr beten die Kinder, der Körpergrösse nach nebeneinander aufgestellt, in Richtung Tempel das Gebet für die Buddha, die guten Geister und Beschützer. Als zweites Gebet stellen sie sich in einem Kreis auf und beten zum höchsten Wohle aller fühlenden Wesen. Wir stellen uns jeden Abend dazu. Es ist jeweils ein so feierlicher Akt. Egal was am Tag war: Freude, Frust, Streit, Arbeit, Glück und Leid. Am Abend bei den Gebeten ist die Welt wieder in Ordnung. Es ist einfach sehr berührend und ich kann gar nicht beschreiben, wie es sich wirklich anfühlt. Auf jeden Fall berührt es mich täglich mitten im Herzen. Heute besonders, weil ich weiss, dass wir bald wieder abreisen müssen. Natürlich ist morgen noch der feierliche grosse Tag für die Einweihung unseres Mädchenheimes. Aber bei mir hat sich der Stachel des Abschiedes bereits eingebohrt.


Nach dem Gebet geht es zum Abendessen. Da wir nun sechs Personen sind, haben wir nicht alle in der Küche Platz. Wir sitzen in dem Zimmer, das eigentlich für den Dalai Lama reserviert ist – falls er mal zufällig vorbeikommt (was aber noch nie passiert ist…). In jedem buddhistischen Kloster gibt es ein solches Zimmer. Wir unterhalten uns gut und geniessen das feine Essen von Diki. Unsere Köchin ist stolz, dass sie uns servieren darf und die Mädchen helfen ihr beim Abräumen. Anschliessend geht es ins Bett. Die Reise nach Sikkim ist anstrengend.


22. April: Der grosse Tag der Einweihung. Ich erwache um 5.00 Uhr und mache heisses Wasser. So können Rainer und ich Kaffee trinken. Wir haben uns viel zu erzählen. Um sieben Uhr gibt es Frühstück. Wir essen wieder alle gemeinsam und nach dem Essen ziehen wir uns um. Sonja, Ida und ich haben uns jeweils eine tibetische Chuba (traditonelles Kleid) gekauft. Tsering, unsere Hausmutter für die Mädchen, hilft uns beim Anziehen. Wir sind schon etwas stolz auf unsere Garderobe. Die Schürze zu meinem Kleid habe ich vor Jahren von meinen Freunden Luzia und Stefan geschenkt bekommen. Endlich kann ich diese handgewobene Seidenschürze gebührend ausführen. Die Leggings darunter habe ich von Andrea und die traditionelle weisse Seidenbluse von ihrer Schwester. Zum Glück ist draussen strahlender Sonnenschein. Ich hatte angekündigt dass ich, wenn das Wetter schlecht ist, meine geliebten hohen Bergschuhe zu dem Kleid anziehe. Ida rümpft die Nase Nun, da das Wetter gut ist, trage ich meine flachen Hausschuhe – auch nicht gerade sehr stilvoll, aber doch etwas passender – gell Frau Wernli? Unsere Tsering stolziert in High Heels umher. Wir haben offenbar noch modisches Entwicklungspotential!


So gegen 9.00 trifft unser Special Guest – der Religionsminister aus Dharamsala ein. Er kommt von der tibetischen Exilregierung und wohnt der Einweihung bei. Das ist wirklich eine grosse Ehre. Er ist ein Mönch in älteren Jahren, sehr gebildet und freundlich. Und er spricht sehr gut Englisch. Wir begrüssen ihn mit einem traditionellen Katak Schal. Rinpoche platzt fast vor Stolz, als er Ida, Sonja und mich in den traditionell tibetischen Gewändern sieht. Und uns ist es auch eine Ehre. Und ja, ein bisschen Stolz sind wir schon auch.


Um 10.00 Uhr, beginnt der offizielle Akt. Anna Maria hat die Ehre mit dem tibetischen Religionsminister ein erstes Absperrband am Haupteingang des Mädchenheimes mit einer grossen Schere zu feierlich durchschneiden zu dürfen. Yankee unser ältestes Mädchen präsentiert die Schere auf einem fein hergerichteten Tablett. Dann geht es die Treppen hoch im Mädchenheim und Rainer und ich dürfen das zweite Band durchschneiden. Hinter uns eine Ganze Traube Menschen, die dem Festakt beiwohnen.

 

Geshe la und die Kinder aus Kewzing sind auch eingetroffen. Vor dem Mädchenheim bilden alle, inklusive wir, einen Kreis. Wir beten ein tibetisches Gebet. Es ist sooo schön!


Nachher laufen wir zum Kloster zurück. Wir werden direkt vor dem Tempel auf der Ehrentribühne auf dem Sofa, welches sonst in Sonja und Idas’s Zimmer steht, platziert. Und darauf sitzt schon der nervige Schulvorsteher. Ich platziere Rainer zwischen mich und den Schulleiter damit ich ja nicht neben diesem Mann sitzen muss. Ein bisschen eine Zicke bin ich also auch. Rainer findet ihn dann eigentlich ganz nett und unterhält sich mit ihm. Vielleicht war er, als er mich verhörte, nur unsicher in Gegenwart einer Frau.


Nun beginnt Rinpoche mit der Ansprache. Dann werde ich aufgerufen. Ich habe ganze sieben Seiten geschrieben. Es ist eine Premiere mit einem Mikrophon zu sprechen. Bald schaue ich nicht mehr auf mein Papier und „es spricht mit mir“. Mir ist es wichtig, die Frau im Dolpo zu erwähnen, welche vor vier Jahren in mir die Vision, für den Bau eines Mädchenheimes ausgelöst hat. Diejenigen, die meine vergangenen Tagebücher gelesen haben, erinnern sich vielleicht. Im Dolpo Nepal sagte mir eine Frau, die regelmässig von ihrem Mann geschlagen wurde, mit einem tiefen Blick in meine Augen auf Wiedersehen. Beim Blick in ihre Augen wusste ich: WIR BAUEN EIN MÄDCHENHEIM ZU IHREN EHREN UND IM GEDENKEN AN ALLE MISSHANDELTEN FRAUEN…..

Dann war es mir natürlich wichtig, dass ich Anna Maria von der Othmar Bamert Stiftung, Terry Blum und natürlich Rinpoche danke sagen konnte. Und bei all meinen Emotionen habe ich doch tatsächlich Ida, Sonja und Rainer vergessen zu danken. Es war mir so ein Anliegen, ihnen öffentlich DANKE zu sagen und ich habe es vermasselt. Irgendwann gab es vom Publikum Applaus und dann war meine Rede vorbei. Dabei war ich doch noch gar nicht fertig... Ob ich das wohl gut machen kann??? AMARONE???


Nach den Ansprachen übergab Rinpoche an den Religionsminister zwei buddistische Tara-Statuen aus Messing. Eine für Anna Maria und eine für Rainer. Rinpoche sagte mir im Vorfeld, dass er ja wisse, dass Rainer nicht meditiere, aber er finde es sei nun trotzdem an der Zeit, dass Rainer so eine Statue geschenkt bekomme. Was für eine Ehre. Ich freute mich sehr darüber und Rainer und Anna Maria sicher auch.


Dann hatten Sonja, Ida und ich unser Highlight. Mit all unseren Kindern sangen wir vor allen Gästen die beiden eingeübten Lieder: «my bonnie is over the ocean» und « Vo Luzärn uf Wäggis zio». Das haben wir ja reichlich geübt und es war so ein Spass. Es gab dann noch diverse Vorführungen der Kinder und anschliessend zwei Fussballspiele.


Langsam kamen ein paar Mädchen neben dem Fussballfeld zu mir und wichen nicht mehr von meiner Seite. Wir lächelten uns an, ich hielt drei in den Armen und wir alle wussten, morgen reisen Rainer und ich ab. Ich hätte heulen können – ein ganzes Jahr lasse ich «meine» Kinder wieder alleine…. grrrrrr verdammte Emotionen.


Am späteren Nachmittag begeben wir uns mit allen Mädchen in ihren Schlafsaal. Anna Maria hat ein schönes Bild von Othmar Bamert, dem verstorbenen Stifter, in einem Rahmen dabei. Rinpoche erklärt den Mädchen, wer dieser Mann ist. Es gibt eine kleine Puja (Feier) mit einem Gebet und Anna Maria zündet zu Ehren von Othmar Bamert eine Butterlampe an, welche dann auf einem Möbel vor dem Foto platziert wird. Ich bin sehr gerührt darüber. Wenn der Speisesaal fertig ist, wird das Bild dort aufgehängt. Ich finde es so wichtig, dass wir nicht vergessen all den Menschen, die uns in diesem Projekt so engagiert helfen, immer wieder Danke sagen.


Am Abend dann das letzte Abendgebet. Ich bin so Stolz auf die Kinder. Beim Kreisgebet stehe ich neben Sonam Tsultrim. Im letzten Mai wurde er an seiner Gaumenspalten operiert und hat erst seitdem sprechen gelernt, also im Alter von 17 Jahren. Beim Singen ist kein Sprachfehler zu hören. In meinem Herzen fühle ich mich ihm so verbunden und dankbar. Er spricht schon recht gut, auch dank Unterricht bei einer Logopädin. Ich verstehe ihn jedenfalls problemlos. Dass er nun sprechen kann, muss für ihn wie ein neues Leben sein.

23. April: Abreise. Nun war ich schon acht Mal in Sikkim aber der Abschied schmerzt mich immer noch. Ein letztes Frühstück. Dann gehen wir zurück ins Zimmer. Rainer trägt die Koffer nach unten. Es kommen ein paar der Jungs in mein Zimmer. Sonam Tsultrim, Rinchen und Yungdrung Namgyel. Niemand sonst ist da. Ich umarme sie und es fliessen Tränen. Sonam Tsultrim schenkt mir ein ganzes Skizzenbuch mit einem langen Brief. Dann noch ein Brief und noch eine Umarmung. Ich schreite über den langen Gang nach unten. Ich weiss, was mich erwartet und ich weiss, da muss ich nun einfach durch. 40 Kinder warten zum Abschied. Rinpoche wartet im Auto. Ich nehme mir Zeit. Ich nehme jedes einzelne in meine Arme. Einige klammern an mir und weinen ganz stark, einige sind gefasst und einige erstarrt. Ich wünsche mir so sehr, dass sie wissen, wie sehr ich sie liebe und dass ich ihnen nur helfen kann, wenn ich in der Schweiz arbeite und Spenden sammle…………in diesem Moment will ich stark sein für die Kinder. Es reisst mir das Herz aus meinem Körper und doch habe ich für jedes Kind noch ein Wort, eine Berührung, eine Umarmung. Werde ich wohl je so «erleuchtet» sein, dass nur noch Liebe und kein Schmerz mehr aus meinem Herzen fliesst beim Abschied? Dann steige ich ins Auto ein. Mein Verstand sagt, Heidy, Du musst nun gehen, aber mein Herz schreit innerlich. Da stehen sie alle und winken uns - inklusive Ida, Sonja, Terry und Anna Maria. Au revoir….


Die Fahrt von Sikkim nach Bagdogra verläuft reibungslos. Am Flughafen in Bagdogra herrscht das Chaos. Wir warten 2 Stunden in der Schlange bis zum Sicherheitscheck. Die Luft ist stickig und bei einigen der Wartenden gehen die Nerven durch und sie schreien sich gegenseitig – sowie das Personal – kräftig an. Fast hätte es einen Aufstand gegeben. Immerhin haben wir genug Zeit eingeplant und komme so nicht unter Druck.


In Delhi haben uns die Jet Airways kommentarlos den vorgesehenen Weiterflug gestrichen. Unser neuer Flug geht anstelle am nächsten Morgen um 6 erst am Nachmittag. Rainer beschwert sich bei dem Angestellten und ich rege mich auf, wie dieser arrogante Schnösel mit Rainer spricht. Am Schluss müssen wir beide lachen, weil ich es für nötig hielt Rainer zu verteidigen. Wer Rainer kennt weiss, dass er sich recht gut selbst verteidigen kann – sofern es ihm die Mühe wert erscheint. Ich lade Rainer zum Abendessen im Hotel ein. Ich finde, wir müssen nun feiern.


24. April: Kathmandu 17.00 Uhr. Wir treffen im geliebten Boudha ein, einem (relativ) ruhigen Bezirk am Rande von Kathmandu. Ich habe Magenschmerzen. Sch……. Um 18.30 kommt Tenzin. Tenzin ist auch im Kloster aufgewachsen, ist jetzt 18 Jahre alt, und macht in Katmandu eine Ausbildung zum Maler für Rollbilder mit buddistischen Motiven, sogenannte Thangkas. Wir unterstützen seine Ausbildung. Sein Lehrer ist einer der berühmtesten Maler dieser Richtung und Tenzin scheint sehr begabt zu sein. Wir laden ihn zum Abendessen in unser spanisches Stammlokal, das „La Casita“ ein. Ich esse etwas Vegetarisches und trinke heisses Wasser. Das Essen hätte ich besser nicht zu mir genommen. Ich leide die ganze Nacht...


25. April: Audienz bei HH Lopon Tenzin Namdak, einem der höchsten buddhistischen Würdenträger. Tenzin kommt zu uns und dann fahren wir zusammen zum Rato Gumpa, dem grossen roten Kloster in Kathmandu. Tenzin hat sein erstes selbst gemaltes Rollbild mitgebracht. Er gibt es Seiner Heiligkeit zum Segnen. Ich habe HH Lopon Tenzin Namdak Weihrauch mitgebracht, den wir letztes Jahr im Oman erstanden hatten. Rainer ist das etwas praktischer und schenkt dem diabetesgeplagten Mann zuckerfreie Schokolade (COOP Prix Garantie). Bei der Audienz erzählt HH Lopon Tenzin Namdak von früher. Es ist sehr berührend. Er ist nun 95 Jahre alt.


Tenzin hat nun seine erste selbstgemalte Thangka segnen zu lassen, und schenkt sie mir anschliessend. Ich bin sehr berührt. Die Kunstmalerausbildung für Tenzin dauert sieben Jahre und er ist sehr fleissig und talentiert. Dass ich nun sein erstes Bild bekomme, ehrt mich sehr. Nach der Audienz besuchen wir Tenzins Arbeitsplatz und dann seine Wohnung. Anschliessend verbringen wir Zeit in Tamel, dem quirligen Zentrum von Kathmandu. Zum Mittagessen treffen wir Lodoe Puntsok. Ein hoher Mönch, der Tenzins finanzielle Unterstützung verwaltet. Dieser Mönch hat den Narren an Rainer gefressen und die beiden unterhalten sich angeregt. Wir essen in einem Restaurant mit Mustang Küche - die Zeit verfliegt. Anschliessend gehe ich Schoppen nach Dingen, die ich für meine Freundinnen zu Hause mitbringen möchte. Am Abend bringen wir 15 Pizzas von der in ganz Nepal bekannten „Fire and Ice“ Pizzeria ins Kloster zu all unseren Freunden dort und geniessen den Abend. Anschliessend fährt uns ein Taxi zurück nach Boudha. Es ist 9.30 Uhr. Eigentlich wollten wir noch ein bisschen den Abend bei einem Bier oder Wein in einem Restaurant ausklingen lassen, aber es ist bereits Feierabend in Boudha. Tagsüber herrscht dort ein reges Treiben – am Abend machen sogar die Restaurants schon um 09.00 zu. Also geht es ins Zimmer. Unser Hotel hat eine super Lage und ist vor allem ruhig. Wir sind glücklich. Die herumliegenden toten Motten, der von irgendwo einziehende Rauchgeruch, die völlig desolaten Sanitärinstallationen sowie die offenbar extrem „schonend“ gewaschene Bettwäsche stören uns nicht mehr.


26. April: Heimreise. Tenzin ist heute Morgen noch kurz zum Frühstück nach Boudha gekommen. Wir sagen Adieu und gelangen früh auf den Flughafen. Rainer und ich haben im Flieger keine Sitzplätze nebeneinander. Dafür setzt sich neben mich eine ganz liebenswerte junge Frau aus Israel. Wir unterhalten uns die ganze Zeit bis Delhi. Unser Weiterflug nach Zürich beginnt nach Mitternacht. Dann sind wir plötzlich wieder zu Hause. Die Arbeit in der Praxis beginnt gleich am Dienstag. Ich habe meinen Kalender mit 13 Stunden Tagen gefüllt. Und das ist gut so, denn so bleibt keine Zeit um den Kulturschock einwirken zu lassen. Aber in drei Wochen habe ich Ferien. Rainer ist gleich wieder weiter nach Sizilien gereist, wo ich ihn besuchen werde.


Ich vermisse die Kinder von ganzem Herzen. Aber bin ich so sehr dankbar für alles was ich erleben durfte. Und dass nichts Schlimmes passiert ist. Ich kann es mit dem Verstand gar nicht richtig begreifen. Unser Mädchenheim steht und darin wohnen bereits neun Mädchen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Ich schaue zum Himmel ……und denke „Der Liebe Gott hat mich gern“.

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