Am 13. Februar startete erneut meine Reise nach Sikkim. Rainer hat mich am Morgen zum Flughafen gefahren. Der Abschied war schon sehr traurig. Denn wir sehen uns nun zwei Monate nicht. Dafür freue ich mich umso mehr, wenn wir uns am 11. April dann wieder sehen!

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5. Februar 2015

gestern bin ich nun nach vielen Stunden  in Sikkim angekommen. Die Reise war wie immer sehr lang: zunächst 10 Stunden von Zürich nach Delhi. Dort hatte ich auf dem Flughafen 12 Stunden zu warten, bis es weiter ging nach Bagdogra. Rinpoche holte mich dort zusammen mit Rinchen ab. Es war ein freudiges Wiedersehen. In Bagdora/Shiliguri war es super warm. Das sollte sich dann Richtung Sikkim noch ändern! Wir sind dann nach fünf Stunden Fahrt im neuen Kinderheim angekommen. Es war bereits finster und ich freute mich auf mein Bett. Als wir ankamen sprangen uns ein Duzend Buben entgegen. Es hat hier 14 Kinder, welche Halbwaisen und Waisenkinder sind. Der kleinste ist vier Jahre alt. Bis ich nach Hause reiste, waren es dann schon 22 Kinder

Die Nacht war laut, da es hier viele Hunde hat, welche die ganze Nacht durch bellen. Da ich Oropax dabei habe, stört mich das nicht. Im Gegenteil! Es gibt mir das Gefühl von Sicherheit! Ich bin in einem schönen Gästezimmer untergebracht. Zum Glück habe ich meine kleine Wärmedecke von der Praxis mitgenommen. Es ist kalt und feucht. Von wegen, im Winter regnet es nicht in Sikkim ;-) Bis jetzt habe ich die Sonne noch nicht gesehen und es ist wirklich kalt. An den Fenstern hat es am Morgen Eisblumen. Dank der Kälte mache ich fleissig Niederwerfungsrituale – ohne Zwang! Das gibt schön warm und hält fit in Körper, Seele und Geist ;-)

Heute Morgen nach dem Frühstück habe ich in meinem Zimmer die Spielzeugautos ausgepackt, welche Bettinas Sohn gespendet hat. Es schien sich rumzusprechen und so füllte sich mein Zimmer sofort mit allen Kindern. Nun spielen sie alle hier am Boden mit den Autöli. Dann habe ich noch vier Plüschtiere dabei – auch von Bettinas Kindern. Und zu meiner Überraschung knuddeln die grösseren Kinder diese  Stofftiere am meisten!

Dank unseren  Sponsoren haben die Kinder alle eine Jacke, Mütze und Socken. Aber sie tragen die Mönchsrobe und haben nackte Beine. Es ist wirklich kalt hier. Ich trage meine wärmsten Kleider mit der Jacke im Zimmer. Und friere trotzdem vor mich hin. Die Kinder scheint die Kälte nicht zu stören – ich bin echt ein verwöhntes Frauenzimmer

Vorhin habe ich dem Koch die Messer und Sparschäler von Silwä und ihren Freunden gebracht. Über die Sparschäler war er echt überrascht. So etwas hat er noch nie gesehen. Das war wirklich lustig. Wir haben dann Kartoffeln gerüstet und alle haben zugeschaut. Dann wollten alle die Sparschäler testen.
 
Hier hat es nur in der Küche einen Holzkochherd. Die meiste Wärme geht zur Türe und zum Fenster raus, Rauch zieht nur teilweise durch den Kamin. Daher sind die Türe und das Fenster immer offen und in der Küche ist alles schwarz vom Russ! Ich bin ein bisschen am Ausprobieren, welche Jahreszeit mir hier am Besten bekommt. Vom Frühling bis zum Herbst regnet es immer, da ist Monsunzeit. Dies habe ich die letzten Male nicht so gut vertragen. Ich war ja richtig krank das letzte Jahr hier. Es schimmelt in den Zimmern und alles was nicht wasserdicht verpackt ist an Medikamenten etc. löst sich auf. Es hilft hier ja niemandem, wenn ich dann krank im Bett liege. Deshalb habe ich beschlossen auch nicht mehr so lange am Stück in Sikkim zu bleiben……und irgendwann will ich ja auch wieder Zeit in meiner Praxis verbringen.

Heute Morgen haben die Kinder mit Rinpoche Fussball gespielt. Es ist Sonntag und da haben die Kinder etwas Freizeit. Einige waschen heute ihre Kleider draussen am Brunnen.

Es ist nun vor dem Abendessen. Die Kinder kommen jeweils scheu an meine Türe klopfen – und wenn dann die Schuhe von Einem vor meiner Türe stehen, dauert es nicht lange, bis sich mein Zimmer füllt. Im Moment gibt es hier Zimmer für  15 Kinder. Wenn dann alle Bauten fertig sind, sollte es Platz für rund 25 Kinder geben und ein paar Gästezimmer. Wenn dann die Gästezimmer bereit sind, werde ich die erst Reise nach Sikkim für eine kleine Reisegruppe organisieren. Ich stelle mir vor, dass es eine schöne Kombination wäre, mit dem Besuch der Teegärten, dann ein paar Tage meditieren hier im Kloster. In Sikkim gibt die ältesten buddhistischen Klöster, von denen man ja auch eines besuchen könnte. Die alten Kölster hier sind umso wertvoller, da diese antiken Schätze des Buddhismus in Tibet in der Kulturrevolution zum grössten Teil zerstört wurden.

Nun habe ich Papier und Farben hervorgeholt. Da kam Sherab Yungdrung und schaute scheu auf die Sachen. ich fragte ihn, ob er gerne Malen würde. Er sagte ja aber er habe keine Farbstifte. Dieser Junge ist 15 Jahre alt und hat eine Hasenscharte. Ich glaube, das nennt sich offener Rachen oder so…. Er kann nicht richtig sprechen.  Er kann wunderschön Zeichnen. Vom Wesen her, ist er eher schüchtern. Als ich ihm die Farben und das Papier gegeben habe, strahlte er, wie wenn Weihnachten, Ostern und Geburtstag gleichzeitig wären. Das hat mich in sehr berührt. Jetzt wo ich dies Schreibe, könnte ich weinen. Aber ich verkneife es mir. Denn mein Zimmer ist voll mit Kindern, die mit den Spielzeugautos und mit Murmeln spielen. Ich könnte ihnen dann nicht erklären, warum ich weine – und ich will sie ja nicht verwirren.

Gestern Abend hat Rinpoche alle Kleider welche ich mitgebracht habe, an die Kinder verteilt. Na das war einmal mehr so berührend. Diese Kinder hier haben wirklich ausser den Mönchskleidern und den Sachen, welche wir im August in Kathmandu überreicht haben, gar nichts! Sie freuten sich so sehr über alles und jedes!


17. Februar 2015

Heute habe ich ganz viele Kleider geflickt. Ich wusste ja bereits das roter Faden und Nadeln Mangelware sind und habe deshalb alles dabei! Inzwischen  sind Berge defekter Kleider bei mir gelandet. Sowie ein Leintuch, welches soooooo viele Löcher hat, dass ich einen ganzen Tag daran genäht habe. Die Kinder hier im neuen Kloster – Kinderheim gehen in die öffentliche Schule. Daher  brauchen sie auch eine Schultracht.  Die meisten Hosen haben Risse, sind zu kurz und die Reissverschlüsse sind kaputt. Aber das spielt hier nicht so eine grosse Rolle. In die öffentliche Schule gehen sowieso nur die Kinder aus den armen Familien. Daher werden unsere Kinder mit ihrer Erscheinung sicher nicht ausgelacht. Reissverschlüsse gibt es hier keine zu kaufen. Daher habe ich Knöpfe an die Reissverschlüsse genäht und Knopflöcher gemacht……das nächste Jahr, werde ich viele Knöpfe und Verstärkungsband mitnehmen und Faden in verschiedenen Farben. Ich nähe alles mit Rot. Aber da ich vor viiiiiiieeeeelen Jahren in der Schule beim Hauswirtschaftsunterricht verschiedene Stiche gelernt habe, verschwindet die Farbe rot, dort wo sie nicht hin soll

Gestern war hier im Dorf ein richtiges Drama. Eine Frau hat ihren Mann getötet und bei sich selber die Kehle durchgeschnitten. Sie hat aber noch gelebt, als Rinpoche, welcher gerade unterwegs war, dazu kam. Leider hatte er einen der Jugendlichen dabei – dieser ist nun recht verstört. Hier gibt es keinen Krankenwagen. So haben sie ein Taxi bestellt, damit die Frau ins Spital gefahren wurde, welches etwa  zwei Stunden mit dem Auto entfernt liegt. Das Taxi wurde von Rinpoche bezahlt, sonst hätte sie niemand ins Krankenhaus gefahren. Ich habe ihm dann das Geld dafür gegeben. Für ihn sind die 50 Franken, welche das Taxi gekostet hat, ein Vermögen.  Die Familie hat drei Kinder. Ich werde versuchen herauszufinden, was mit diesen Kindern geschieht. Mein Uebersetzer, Geshe Yungdrung Lhatse aus Ladakh, hat gesagt, dass sich da die offizielle Gemeinde nicht darum kümmert………ach was bin ich wieder einmal dankbar, dass ich in der Schweiz geboren bin – aber ich fühle mich auch hilflos….


21. Februar 2015

Die Kinder der Familie von diesem Familiendrama wurden bei Verwandten untergebracht. Rinpoche hat das für mich abgeklärt. Das war für mich wichtig……. Ich denke manchmal: Heidy, Du kannst nicht die ganze Welt retten. Aber es gibt einfach Dinge, die MUSS ich tun. Sonst denke ich nachher die ganze Zeit ich hätte es tun müssen und das nervt mich dann.  Ob die Frau gestorben ist, weiss ich noch nicht. Vielleicht wäre es ihr zu wünschen – wenn ich an den Wert einer Frau in Indien denke……..  
    
Nun habe ich die täglichen Niederwerfungen  (Körperübungen) erhöht. Immer, wenn ich kalt habe, mache ich 50 Niederwerfungen. Am Besten ist es am Abend bevor ich ins Bett gehe. Dann habe ich schön warm.

Während ich hier schreibe steht der kleinste Junge Namka Tenzin, 4 Jahre, neben mir und schaut mich immer so lange an, bis ich ihn anlächle. Dann lächelt er zurück und schaut scheu auf den Boden! Er ist das älteste von drei Kindern. Alle drei wurden fremd plaziert. Sein kleiner Bruder, welcher etwa 2 Jahre alt ist, lebt hier in der Nachbarschaft. Geshe la hat mir gesagt, dass solche Kinder dann oft als Arbeitskräfte missbraucht werden. Manchmal wüsste ich schon gerne, was in diesen Kindern vor geht, welche von zu Hause fort gegeben wurden. Aber dann denke ich mir wieder, wenn ich so ihre Geschichten höre, haben sie es hier im Kloster-Kinderheim sicher gut. Sie haben zu Essen, ein Bett oder zumindest ein Halbes. Rinpoche hat die Kinder gern. Er spielt auch oft mit ihnen, wenn es seine Zeit zulässt. Er ist mit dem Bau des Klosters sehr fleissig. Aber es gibt ja auch noch den Klosterkoch. Dieser ist immer vor Ort und sehr nett. Die Kinder haben ihn gern. Er ist pensioniert, aber da es hier nur für Staatsangestellte eine Rente gibt, arbeitet er nun hier als Koch. Und ich muss sagen, er kocht super. So, nun ist es Zeit, dass ich eine Runde Schokolade verteile. Ich habe zwei Kilogramm Schokolade und ein kg Bonbons dabei. Nun, habe ich Spielzeuge und Schogi anstelle von Kleidern eingepackt. Denn ganz viele Kleider haben wir bereits im Sommer mitgenommen.


22. Februar 2015

Heute gleich nach dem Mittagessen kamen hier vier erwachsene Personen mit vier Kindern an, welche sie abgaben. Der Kleinste ist 5 und der älteste 11 Jahre alt. Es waren zwei Väter, eine Grossmutter und eine Mutter des jeweiligen Kindes dabei. Bis auf die Grossmutter ging das alles sehr schnell über die Bühne. Ich denke, wenn man in solchen Notsituationen lebt, lernt man wohl die Emotionen wegzudrücken. Ich konnte mir eine Träne nicht verkneifen. Die Grossmutter, welche den kleinsten Jungen brachte, kam noch dreimal zurück. Einmal drückte sie ihm noch ein Packet Kekse in die Hände, dann einen kleinen Ball und dann noch 10 Rupies. Das sind etwa 5 Rappen. Bevor sie ging sagte Sie dann noch, dass sie noch ein Mädchen haben, mit welchem sie nicht wisse wohin…..ja ich glaube daran - irgendwann steht hier auch ein Mädchenkinderheim!

Die vier neuen Kinder sassen dann da wie bestellt und nicht abgeholt. Sie klebten den ganzen Nachmittag aneinander. Aber ich denke sie werden schnell von den anderen Kindern hier aufgenommen. Ich versuche Mitgefühl aber nicht Mitleid zu haben. Denn dies hilft niemandem. Ich glaube daran, dass auch diese Kinder eine Chance haben, starke Persönlichkeiten zu entwickeln. Vielleicht gerade, weil sie noch so klein, vieles was traurig ist, erlebt haben!

Inzwischen habe ich hier wieder einige Wunden versorgt und die meisten Kinder entwurmt. Die neuen Kinder haben auch alle Würmer – also bekamen sie auch gleich eine Kautablette. Der Kleinste, konnte nicht sagen ob er Würmer hat, aber ich habe ihm dann auch eine halbe Tablette verabreicht.

Übrigens, seit zwei Tagen scheint die Sonne. Was für eine Wohltat. Es ist nun draussen viel wärmer, als im Zimmer. Ich geniesse jeden Moment, wo mir die Sonne aufs Gesicht scheint. Das Leben findet nun draussen statt.


23. Februar 2015

Ich habe Rinpoche gefragt, ob ich Butterlampen für die Sponsoren bestellen kann. Diese haben die Kinder heute hergestellt. Es war so schön dabei zuzusehen. Morgen werden dann für Euch alle, welche dieses hier lesen, Butterlampen angezündet. Es findet eine Zeremonie Puja statt. Zum Dank und höchsten Wohle von jedem von Euch und zum höchsten Wohle von allen fühlenden Wesen

Die zweitgrösste Butterlampe ist zum Segen für das neugeborene Baby Enya Maria von meiner Cousine Claudia und ihrem Mann Robert! Claudia hat in ihrer Schule viele viele schöne Kleider für uns gesammelt!  Die grösste Butterlampe ist für Buddha selber. Einfach zur Info falls ihr dann die Fotos anschaut auf Face Book und der Website www.rosaworldwide.ch
 
Übermorgen fahre ich in die Hauptstadt von Sikkim, nach Gangtok. Mein Sikkim Visum läuft aus und ich kann  es dort verlängern. Zum Glück hat Rinpoche Beziehungen. So ist die Visumverlängerung kein Problem. Letztes Jahr, in Namchi, war das ja ein Drama. Nachher fahre ich von Shingtam mit dem Taxi ins alte Kloster – Kinderheim. Ich werde dann eine Woche dort verbringen und anschliessend noch einmal zwei Tage hierher ins neue Heim zurückkehren. Ich freue mich auf die altbekannten Kinder. Aber es macht mich auch traurig, dass ich die neuen Kinder hier schon wieder verlassen muss. Die meisten Kinder im ersten Kloster - Heim habe ich nun eineinhalb Jahre nicht gesehen. Im letzten Sommer sind wir nach Nepal gereist, aber nicht nach Sikkim. Daher sah ich im letzten August nur die drei Jungen die wir ins Dolpo begleitet haben.

Zum Abschied haben wir heute noch eine Popcorn Party veranstaltet. Ich habe für alle Kinder Tüten gebastelt und dann haben der Ladakg Geshe und ich in der Küche Popcorn hergestellt. Das war ein richtiges Fest – Freude herrscht

Ich muss wirklich lernen, dass mich der Abschied hier nicht immer so schwerfällt. Ich bin nun alles in allem schon 6 Monate in Sikkim gewesen. Und wenn es sein darf, werde ich immer wieder hierher zurückkommen. Es gibt hier so viel zu tun – vor allem Mutterliebe zu verteilen. Ich liebe diese Kinder hier mit meinem ganzen Herzen. Dafür bin ich sehr dankbar.  Ja, ich habe mir immer einen Haufen Kinder gewünscht. Mein Wunsch hat sich erfüllt und ich bin wirklich stolz auf „meine“ Kinder

Vom 19. Februar an war für drei Tage das tibetische Neujahrsfest. Daher haben die Studenten einen Monat Ferien. Dawa, Sonam Tsewang und Nyma Lendup waren vor vier Jahren noch Jugendliche im alten Kinderheim in Sikkim. Nun sind die drei in Kathmandu beim Studium zum Geshe. Das ist ein 15 Jahre langes Studium zum Doktor der Bön Religion und damit das höchste Studium, welches im Buddhismus abgeschlossen werden kann. Zurzeit sind die drei im alten und im neuen Kinderheim in den Ferien. Was für eine Freude. Aus den drei wurden richtig nette, sympathische junge Männer. Sie sind alle drei total nett, aufgeweckt und so natürlich. Diese natürliche Art gegenüber Geshe la und Rinpoche la zu dienen bewundere ich sehr. Es ist schön, dass diese drei jungen Männer, welche alle aus schwierigen Verhältnissen kamen, sich so gut entwickelt haben. Ach ja, das macht meinem Herz wirklich Freude.


24. Februar 2015

Nach einer langen holprigen Fahrt von Shingtam nach Kewzing bin ich nun im alten Kloster-Kinderheim angekommen. Es gab so einen berührenden Empfang für mich. Alle Kinder und Mönche standen mit weissen Katakschals  bereit als ich ankam! Nima Dukta la hat gesagt, dass sie ca 2 Stunden dort in der Kälte auf mich gewartet haben. Das hat er natürlich nicht so gesagt. Aber ich habe ja gefühlt wie kalt es war – sehr kalt! Mein Gott, die Kinder sind zum Teil so gross geworden in den eineinhalb Jahren. Aber sie haben alle nach wie vor diese offene Herzlichkeit! Ach, ich bin einfach glücklich!

Ich bin in meinem altbekannten Zimmer. Es ist so schön hergerichtet. Nima Dukta la hat mir Blumen hingestellt und Räucherstäbchen angezündet. Es ist so liebevoll hier – ja, ich bin zu Hause!

Nun in dieser Woche habe ich sehr viel zu tun. Ich werde die Kleider von eineinhalb Jahren flicken. So gut es geht, alle die es nötig haben, medizinisch versorgen. Was ich bereits herausgefunden habe, dass die allermeisten wieder Würmer haben. Dank der grosszügigen Spende von Bruno Dillier kann ich alle gut mit Wurmtabletten versorgen! Natürlich wird auch hier das Spielen nicht zu kurz kommen. Denn ich habe die Spielsachen aufgeteilt. Somit gibt es auch hier kleine Autöli, Farben, Murmeln, zwei Stofftiere kurzlebige Ballone und ein super Memoryspiel von Momola Sonja!


25.Februar 2015

Heute hat mir Geseh la gesagt, dass die Familien in Dolpo sehr sehr glücklich waren, über unseren Besuch im letzten August und dass wir die Kinder nach sieben Jahren nach Hause gebracht haben. Die Kinder haben sich alle sehr auf ihre nur noch zum Teil lebenden Familienangehörigen gefreut. Und es war so, wie Rainer und ich gedacht haben. Das nach Hause kommen war dann doch etwas ernüchternd. Ihre Erinnerungen an die Kindheit in der Heimat wurden zum Teil mit der Realität zerstört. Alle drei kamen sehr gerne wieder zurück nach Sikkim und im Juni starten die drei das ein Jahresretreat im Kloster. Das heisst, sie wollen alle drei das Mönchsstudium beginnen. Sie dürfen dann für drei Jahre, drei Monate und drei Tage das Kloster nie verlassen. In dieser Zeit werden sie in verschiedenen Bereichen ausgebildet. Es steht ihnen dann offen, ob sie später noch das Geseh Studium anhängen wollen.

Gerade war ich bei Ajeet in der Küche und habe auch ihn mit den Messern von Silwä und den Sparschäler beglückt. Das war gleich lustig, wie letzte Woche im Yangang Kloster. Alle wollten diese Sparschäler testen

Hier im älteren Kloster Kinderheim gibt es einiges mehr zu tun als im Neuen. Das ist natürlich klar, weil im neuen Kinderheim die Kinder erst seit einem halben Jahr wohnen. Das wird sich sicher ändern, wenn ich dann in einem Jahr wieder zurückkomme. Gestern hatte ich bei zwei Jungs ganz hässliche Wunden zu versorgen. Es sind offene runde Wunden, welche von selber wachsen und sich vermehren. Es waren richtige eitrige Löcher an den Beinen und bei einem auch an einer Zehe. Ich habe die Wunden dann zuerst mit Betadine desinfiziert, dann dick mit Betadine eingesalbt und nun verabreiche ich ihnen Antibiotika. Ich hoffe, dass ich dies richtig mache. Einer der Jungs ist wieder beim Spielen in ein Fenster gefallen. Es war ein glatter Schnitt. Es hat geblutet wie verrückt. Der Schnitt war dann aber gar nicht so tief. Also habe ich dies mit Steri Strip  zusammengeklebt. Was bin ich Bruno für seine Instruktionen und das Medizinblatt dankbar! Ein anderer Junge hatte auch einen Schnitt an der Stirne. Dieser wurde vom Dorfsanitäter genäht. Die Fäden wurden zu früh entfernt und dann klaffte die Wunde wieder auseinander. Er hat ihm nur eine Baumwollmull drauf geklebt und dann nach Hause geschickt. Der Junge hat mir dann gesagt, dass er nicht mehr zum Sanitäter müsse. Also erlaubte ich mir, den Verband wegzunehmen. Ach das war wieder eine Sache wie damals, als bei Santos der Verband bei der Brandwunde entfernt werden musste. Die Baumwolle war bereits mit dem Fleisch am verwachsen. Ich habe das Ganze dann mit gekochtem Wasser aufgeweicht und entfernt, desinfiziert und mit Steri Strip zusammengeklebt. Ich weiss nicht, wie viel das noch hilft, denn es ist ein paar Tage her, seit er sich angeblich beim Haareschneiden zufällig…..geschnitten hat. Manchmal machen die Kids schon Blödsinn, wenn sie mit den Rasierklingen umgehen! Mein Zimmer ist dann bei solchen Aktionen voll mit den meisten Kindern und Mönchen. Nima Wangyal, einer der grossen Studenten, schaute dabei zu und ihm wurde es schlecht. Ich sah es und kurz bevor er umgefallen ist, konnten wir ihn auf den Boden setzen. Die Kleinen fanden das lustig.


26. Februar 2015

Seit ich in Sikkim bin, habe ich jede Nacht Träume, an welche ich mich gut erinnere. Es sind immer lustige und schöne Träume. Das freut mich natürlich sehr. Ich darf auch sagen, dass ich schlafe wie ein Baby und mich erholt fühle.

Heute habe ich die Schokolanden von Gaby geöffnet und verteilt. Es war wirklich berührend. Die meisten Kinder hier hatten noch nie Schokolade. Ich habe bis jetzt noch nie Schokolade mitgenommen, weil ich immer im Sommer hier war. Da wäre die Schogi schon verlaufen, bevor ich Sikkim erreicht hätte.

Nima Dukta hat ein Foto von unserer Dolporeise auf doppeltes A4 Format vergrössert und in seinem Zimmer aufgehängt. Das hat mich nun wirklich auch gefreut. Geshe la hat mir heut Mittag noch gesagt, dass die Träger in Pugmo sehr glücklich waren, wie gut wir sie behandelt hätten. Das sei von den Touristen nicht immer der Fall. Meistens würden sie gar nicht beachtet. Wir schenkten ihnen am Zielort neben dem Lohn jedem ein Viktorinox Sackmesser. Das war wohl aussergewöhnlich. Dieses Klassensystem verstehe ich wirklich nicht. Aber auf die eine oder andere Art, findet dies wohl auch in unserer Kultur statt.


27.Februar 2015

Was habe ich da gestern über schöne Träume geschrieben? ;-) Die letzte Nacht bin ich wegen eines recht stechenden Schmerzes an meinem rechten Oberschenkel erwacht. Das war kein Traum ☺ Ich tastete dahin und fühlte, dass eine Nadel in meinem Bein steckte. Ich machte dann Licht und siehe da. Eine Nähnadel befand sich zu Dreivierteln in meinem Bein. Na ja, so wie das Ding in mein Bein kam, musste es auch wieder raus. Es ist ja nichts weiter passiert – ausser dass mein Schönheitsschlaf gestört wurde

Dann als ich wach war, bellten die Hunde wie verrückt. Die zwei grossen Hunde rannten durch den Gang vor meinem Zimmer nach draussen. Doch wir haben hier auch noch ein Baby Hund und dieser winselte so sehr, dass ich ihn in mein Zimmer lies und er neben meinem Bett schlafen durfte ☺ Das ist eigentlich nicht erlaubt. Aber ;-) Ich habe mich aus zwei Gründen dafür entschieden! Zum einen hätte mir dieser kleine süsse Hund den restlichen Schlaf geraubt und zum Anderen hat er sehr grosse starke Pfoten und lange Beine. Also gehe ich davon aus, dass dies in einem Jahr ein sehr grosser Hund sein wird. Und da ich bekanntlich richtig doof tun kann, wegen grossen Hunden (gell Cousin Dani ;-)) dachte ich mir, wenn ich den Kleinen nun etwas verwöhne, wird er sich nächstes Jahr, wenn ich wieder komme, an mich erinnern und er wird mich lieben und nicht zum Frühstück verspeisen!


28. Februar 2015

In drei Tagen reise ich schon wieder zurück ins neue Kinderheim und dann wieder in die Schweiz. Ich habe hier zwei Sorgenkinder. Norbu und Nim Tashi. Beide haben so grosse eitrige Wunden an den Beinen. Ich hoffe, dass diese einigermassen verheilt sind, bis ich abreise! Ich habe einen der erwachsenen Mönche instruiert, mit all den Salben, Verbänden und Medis, aber er getraut sich wohl nicht so recht, dies auch anzuwenden. Da muss ich noch einmal nachhaken! Loslassen ist einmal mehr mein Thema. Wie werde ich hier und zu Hause gerecht? Vermutlich nur, wenn ich mir diese Frage  nicht andauernd stelle……

Inzwischen haben sich Pasang und Gyaltsen gemeldet um die medizinische Versorgung zu übernehmen. Sie haben alles auf tibetisch aufgeschrieben und so denke ich, wird es funktionieren.

Ach heute hat der Abschiedsschmerz bereits begonnen! Ich sass am Morgen draussen auf einer Bank an der Sonne und stopfte Kleider! Dann kam Chenno Rinchen neben mich, legte seine kleine Hand auf meine. Dann schaute er mich sehr ernst an und sagt:“ You go home today Heidy la?“ Ihm lief dann eine Träne übers Gesicht und mir dann natürlich sofort auch. Da sassen wir zusammen und vergossen ein paar Tränen. Ich zog dann meine Sonnenbrille an und dann konnten wir wieder lachen. Es ist nun Sonntag Nachmittag. Einige Kinder spielen Krikett und andere Fussball vor dem Tempel. Ich sitze hier auf einer Bank und beim Schreiben dieses Textes bekomme ich schon wieder feuchte Augen.

Als ob Phur Temba es gerochen hätte, hat er sich gerade jetzt ganz nah neben mich gesetzt mit einem der zwei Stofftiere, welche ich dieses Mal mitgebracht habe. Und schon füllt sich die Bank. Ich sitze am rechten äusseren Rand und kann meine Arme beim Schreiben gar nicht mehr bewegen. Links neben mir sitzen nun Phur Tempa, Abi, Chenno Rinpchen und Nim Tempa la – das sind die Kleinsten hier. Am liebsten würde ich das ganze Kloster Kinderheim in die Schweiz beamen ☺ Also, durchatmen und die Tränen wegdrücken. Es reicht dann wirklich, wenn ich übermorgen bei der Abreise meinen Gefühlen freien Lauf lasse. Jetzt bin ich ja noch hier!

Wow, ich bin ja so Stolz auf unser Jungs. Heute haben mir Tenzin und Namdak gesagt, dass sie nach Kathmandu zum Studieren gehen. Unsere drei Nepal Jungs haben seit August einen grossen Sprung gemacht. Namdak hat sicher 10 cm an Länge zugelegt und alle drei sind im Stimmbruch. Diese Entwicklung in nur sechs Monaten ist wirklich sehr beeindruckend! So werden aus Kindern junge Männer. Natürlich gibt es auch einige traurige Geschichten. Die Eltern von Palden haben Palden vor dem Kloster in ein Auto gestopft, quasi entführt. Die Eltern von Palden sind sehr arm und wurden im letzten Herbst Christen. Hier hat es zunehmend viele christliche Missionare. Diese geben den armen ungebildeten Menschen Essen mit der Auflage, dass sie zum Christentum wechseln müssen. Palden musste sich dann auf Druck der Eltern taufen lassen, nachdem er zehn Jahre hier in diesem Bön Kloster zu Hause war. Ich möchte nicht urteilen, ob er nun mit dieser oder einer andren Religion glücklicher wird. Entweder er wird sein Glück in seinem eigenen Herz finden, oder nirgends. Er war ein sehr liebenswürdiger junger Mann. Ich  bin im Face Book mit ihm befreundet und werde dann zu Hause mal schauen, ob ich mit ihm Kontakt aufnehmen kann. Das Problem hier ist halt oft, dass die Kinder von den Eltern hin und her geschoben werden. Die Autorität der Eltern gegenüber den Kindern ist so gross, dass die sich auch mit gegen 20 Jahren oft nicht getrauen, sich für sich selber einzusetzen!

Dann war da noch Shankar. Er hat öfter geraucht, Alkohol getrunken und ist in der Nacht dauernd ausgebüchst. Nach mehrfacher Verwarnung musste er das Kloster verlassen. Bei ihm hatte ich aber schon länger das Gefühl, dass er hier nicht glücklich ist! Ich hoffe, dass er nun seinen Weg und sein Glück findet.

Heute Nachmittag haben wir nun hier auch noch eine Popcornparty. Wie schon im neuen Kinderheim. Dann will ich noch schauen ob wir Gesangsaufnahmen machen können. Einige der Kinder singen wirklich viel und gut. Das möchte ich gerne festhalten! Das wird sicher lustig. Ruhit ist der Star beim Singen und Tanzen! Er und sein kleiner Bruder Abi wurden vor zwei Jahren im Kloster abgegeben und seitdem ist jeder Kontakt zu der Mutter abgebrochen. Sie hat keine Telefon und Geshe la, kann sie nicht erreichen…….

Immer wieder bin ich so dankbar, dass mich das Leben hier her geführt hat. Ich bin hier wirklich richtig glücklich. Hier habe ich ein zweites zu Hause bekommen. Natürlich freue ich mich auch wieder auf Rainer, meine Freunde und Familie und meine wunderbare geheizte Wohnung mit Kater Meru ☺ Es ist wirklich ein grosser Reichtum, die Wahl zu haben. Das ist wirklich nicht selbstverständlich. Wenn ich bedenke, dass die Kosten meiner Flüge hierher, dem Einkommen von zwei Jahren des Klosterkoches entspricht!


2. März 2015

Olala, das Abschiednehmen hat heute definitiv  begonnen. Am Morgen kamen alle Studenten in mein Zimmer um sich zu verabschieden. Ich wurde reich beschenkt. Dann kam Nyima Dukta und schenkte mir wunderbaren Kardamom. Das ist unglaublich – er hörte einmal, dass ich gerne Kardamom habe und nun hat er mir ein Paket geschenkt.

Dann kam auch noch der alte Geshe la. Als er sah, dass meine Gebetskette, die Mala, auseinandergefallen war, zog er seine wunderschöne alte Mala aus und schenkte sie mir. Mit dieser hat er wohl hunderttausende Mantras gebetet. Da hatte ich meine Gefühle wirklich gar nicht mehr unter Kontrolle. Mir flossen die Tränen wie ein Wasserfall übers Gesicht. Na, das ist ja ein gutes Feld um zu üben – das Emotionen nur Illusionen sind ;-)  Ich werde diese Mala in Ehren halten!

Den ganzen Nachmittag war mein Zimmer voll mit Kindern. Sie hatten schulfrei, damit sie noch Zeit mit mir verbringen konnten! Das hiess, dass ich keine Minute alleine war. Ich gab dann jedem 10 Rupies. Das sind etwa 8 Rappen. Sie rannten dann in den Shop und kauften Biscuits. Diese packten sie in Zeitungspapier ein und schenkten es mir! Nyima Dukta sagte mir dann, dass es für die Kinder sehr wichtig sei, dass sie mir auch etwas schenken können! Einige der grösseren Kinder schrieben mir kurze Briefe. Ja, ich bin so sehr berührt und reise nicht wirklich gerne ab!

Irgendwann sassen dann alle Kinder auf meinem Bett. Dann schaute mich Chenno Rinchen an – er zog dann seine Mütze über die Augen – denn diese hatten sich wieder mit Tränen gefüllt! Ich musste dann natürlich auch wieder weinen. Es gab dann etwas „Auflockerung“, als Oungda und Wangtschuck in mein Zimmer kamen. Sie hatten sich Vicks Hustensalbe in die Augen gestrichen!!! - was natürlich fürchterlich brannte. Ich war dann beschäftigt mit Augen auswaschen und trösten. Vor allem der neue Junge Wangtschuck war untröstlich. Er ist 11 Jahre alt und ich fragte ihn dann, ob er ein bisschen in mein Bett liegen wolle? Er sagte ja und kroch in meinen flauschigen Schlafsack. Ich deckte ihn noch zu. Dann machte ich das kleine Heizkissen an und er beruhigte sich ein wenig. Die Wirkung von Vicks hielt sicher eine Stunde an. Und je mehr sie in den Augen rieben umso schlimmer wurde es!

Ich hatte mich gerade wieder von  meinen Emotionen erholt da kam Nyima Wangyal (einer der jungen erwachsenen Studenten) in mein Zimmer. Er hatte ein schön eingepacktes Geschenk und eine tibetische Ritualtrommel dabei, welche er mir scheu entgegenstreckte. Dies konnte ich unmöglich annehmen. Doch er sagte mir, dass er zwei davon habe und dass er mir damit danke sagen möchte. Nun es ist ja schon klar, was jetzt wieder folgt. Ich war so gerührt, dass mir schon wieder Tränen  übers Gesicht kullerten. Nach diesem Anlass, startete ich meinen Laptop, und liess die Fotoshow von meinem ersten Sikkim Aufenthalt laufen. Dies waren über 1000 Fotos. Sofort setzten sich alle vor den Bildschirm, lachten und freuten sich über die Bilder. Ich zog mich dann für fünf Minuten auf das WC zurück – denn nur dort konnte ich einen Moment alleine sein. Ich wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser und versuchte mir ein paar positive Gedanken durch den Kopf gehen. Nun es hat auch nicht wirklich funktioniert. Denn die Gefühle im Herz waren einfach nur schwer. Also gab ich es auf, so zu tun, als ob es anders sei, als es war ☺ Das brachte dann Entspannung. Als ich dachte, Heidy du darfst traurig sein – es ist ja schliesslich auch traurig, entspannte ich mich

Niyma Dukta la war auch dieses Mal wieder sehr hilfreich für mich. Er spricht schon recht gut englisch. Als er mit der drei jährigen Mönchsausbildung fertig war, konnte er nicht ins Geshe Studium, da sie hier sehr auf seine Hilfe angewiesen waren. Er war damals der einzige, welcher in Frage kam, die Buchhaltung des Klosters zu übernehmen. Somit vergingen die Jahre und er konnte sich nicht entsprechend  seinen Fähigkeiten weiterbilden. Als wir dann im Sommer in Dolpo waren, hat sich Rainer sehr Nyima Dukta angenommen. Rainer will ihm nun ein drei monatigen Englischunterricht in Gangtok ermöglichen. Es ist für mich natürlich wesentlich einfacher, hier zu sein, wenn jemand gut englisch spricht und ausserdem ist es für Nyima Dukta la eine Anerkennung. Er freut sich sehr darauf! Da Gangtok nur 3 Stunden entfernt ist vom Kloster, kann ihm dann jeden Monat einmal Gyaltsen die Buchhaltung bringen.


3. März 2015

Ich hatte einen speziellen Traum. Ich träumte, dass ein Strauss kleine Küken fressen wollte und vom Himmel drohte den kleinen auch Gefahr von einem Adler. Ich nahm dann einen Stock und vertrieb den Strauss und den Adler, welcher immer angreifen wollte, konnte ich so auch fernhalten! Die Küken setzten sich dann auf meinen Schoss und waren in Sicherheit
 
Heute Morgen nach dem Frühstück verliess ich das alte Kinderheim. Auf 8.00 Uhr hatte mir Nyma Dukta dann das Taxi bestellt, welches mich zurück zum neuen Kloster-Kinderheim bringen würde. Alle Bewohner des Klosters kamen noch einmal zu mir mit den tibetischen Glücksschals. Ach ja, ich nehme alle mit in meinem Herzen. Ich liebe diese Kinder und Jugendlich so sehr! Sie sind echt ein Reichtum in meinem Leben! Noch einmal drückte ich alle und verteilte jedem zwei der geliebten, kurzlebigen Ballone und dann fuhr das Taxi mit mir weg.

Eigentlich liegen die zwei Kinderheime ganz nahe beieinander. Die Distanz auf der nahen Strasse ist nur 15 km. Da aber ein rechter Teil dieser kürzeren Strasse sehr gefährlich ist, beschloss ich, den langen Weg von zweieinhalb Stunden zu nehmen. Diese Strasse ist zwar auch eine einzige Rüttelpiste. Aber es geht am Strassenrand halsbrecherisch in die Tiefe, wie auf dem kurzen Weg! Den kurzen Weg bin ich nur einmal gefahren und ehrlich gesagt will ich das nie wieder tun müssen. Das Auto ist damals gerutscht, weil es nass war und dann ging es einfach steil sehr weit nach unten. Zum Glück konnte der Fahrer das Auto stoppen, bevor es abstürzte.  Damals sah ich mein gelebtes Leben wie in einem Film an mir vorbeiziehen. Das war zwar nicht schlimm, aber ich lebe gerne noch ein bisschen, wenn es denn sein darf!

Nun bin ich für zwei Tage wieder zurück im neuen Heim in Yangang und dann beginnt meine Rückreise in die Schweiz. Im Heim wurde ich wieder herzlich empfangen. Gestern kamen hier nochmals 4 neue Kinder an. Rinpoche konnte nicht „Nein“ sagen. Dies verstehe ich gut, wenn ich die Kinder anschaue. Nun ist jedes Bett hier bereits mit zwei Kindern besetzt und zwei schlafen in Rinpoches Zimmer. Da habe ich echt Bewunderung für ihn. Er ist praktisch nie alleine. Wenn ich bedenke, wie viel Zeit ich gerne einfach alleine verbringe…..zum Denken, Erholen etc.  Wenn die Bauten fertig sind, gibt es dann schon noch ein paar Zimmer mehr für alle. Diese werden sich sicher ganz schnell füllen!

Hier ist nun Dawa mein neuer Uebersetzer angekommen.  Er ist mit 14 aus Tibet nach Indien geflüchtet. Sein Vater war Alkoholiker und seine Mutter krank. Da beschloss er Tibet zu verlassen. Er sah dort keine Zukunft für sich! Er lief drei Wochen über die Himalayaberge mit einer tibetischen Flüchtlingsgruppe nach Indien ohne seinen Eltern die geplante Flucht mitzuteilen. Denn die hätten ihn nicht gehen lassen! Seine Mutter ist dann zwei Jahre später gestorben. Dies ist für ihn heute noch sehr schwierig. Denn er hat seine Mutter nach seiner Flucht nie mehr sprechen können! Er war dann während der Schulzeit und dann für eine Ausbildung zum tibetisch Lehrer in Daramsala!  Seit fünf Jahren lebt er in Moskau. Er arbeitet dort bei einem tibetischen Arzt und macht tibetische Uebersetzungen! Wegen der Aufenthaltsbewilligung muss er vier Mal pro Jahr nach Indien reisen. Er ist nun einen Monat hier in Sikkim, weil er Rinpoche kennt! Er unterrichtet hier die Kinder in Englisch und Tibetisch! Er hat kein richtiges zu Hause. Seine Freundin ist nach Holland geflüchtet. Da er aber keinen Pass besitzt, kann er sie nicht besuchen und sie kann wegen ihrem Flüchtlingsstatus auch nicht zurückkommen. Das sind schon verrückte Geschichten. Was leben wir doch in der Schweiz in einem friedlichen Land! Nun - die tibetischen Flüchtlinge in Obwalden sehen das wohl auch so!

Während ich hier sitze, hat mir ***** gerade ein Leintuch gebracht, welches wir zu Hause allerhöchstens noch als Putzlappen brauchen würden. Es hat so viele Risse. Nun stelle ich also den Laptop ab und beginne zu reparieren!  Rinpoche hat gesagt, dass er in Shiliguri für alle neue Leintücher kaufen will.
 
Ich sitze nun hier draussen auf der Terrasse vor der Küche. Etwa in 50 km Entfernung kann ich die majestätischen Himalayaberge anschauen. Dahinter befindet sich Tibet. Rinpoche steht oft bei den Gebetsfahnen und schaut Richtung Tibet. Es ist schon sehr lange her, seit er aus Tibet geflüchtet ist. Im Moment sieht es nicht so aus, als ob er noch einmal sein Heimatland besuchen könnte.


4. März 2015

Ich liebe dieses Klang am frühen Morgen um 6 Uhr, wenn der Gong zum wecken der Mönche erklingt. Dann geht es sehr schnell und das Murmeln der Mantras durch die Mönche ertönt in allen Gängen. Ich geniesse es dann sehr mich noch einmal in meinen warmen Schlafsack zu kuscheln. Dabei halte ich die Augen  geschlossen und lausche den tiefen Stimmen. Das ist Musik für meine Seele! Das sind Momente, welche ich zu Hause immer Abrufen kann. Dabei kommen richtig glückliche Gefühle auf. Falls es vergangen Leben gibt, war ich sicher einmal Nonne oder Mönch im Himalaya

Nun ist es bereits Nachmittag. Der Koch hat sich zünftig in den Daumen geschnitten (mit einem neuen Victorinox Messer…) Nachdem sein Daumen verbunden war, habe ich ihn mit einer gossen Packung Heftpflaser, Desinfektionsmittel und einer Brandsalbe eingedeckt. Das sollte mindestens in der Küche immer vorhanden sein!  Wenn ich zu Hause bin, will ich unbedingt die Verbandsvorräte  für die nächste Reise hierher aufrüsten. Und dies sind Sachen, welche ich dann nicht in letzter Minute erledigen will, bevor ich wieder abreise


5. März 2015

Heute habe ich noch die restlichen „Schränke“ in den Kinderzimmern aufgeräumt. Das  heisst, die Kleider sortiert, zusammengefaltet, defekte Sachen rausgenommen und dann habe ich den ganzen Tag Löcher gestopft und Nähte zusammengenäht. Ich sass draussen an der Sonne und immer wieder mal kam ein Kleiner schnell vorbeigerannt und schenkte mir ein Lächeln und ich gab zwei zurück <3 Als ich dann die geflickten Sachen  zurück in die Zimmer gebracht habe, sass ******* gerade auf seinem Bett. Er hat sich so bedankt. Ach mein Gott – diese Kinder haben schon so viel Trauriges erlebt. Jede Lebensgeschichte würde  ein Buch füllen. Ja, in solchen Momenten fühle ich mich immer so sehr berührt. Sie schätzen jedes Lächeln, jede Geste und doch denke ich oft, dass es nicht reicht, was ich hier mache. Ich bleibe kurze Zeit und reise dann wieder ab und dies ist jedes Mal schmerzhaft. Einige schauen mich dann mit steinernen Gesichtern an, wenn ich gehe, andere weinen und mir reisst es das Herz raus. Ich denke dann, was geht wohl in ihnen vor? Verlassen werden - das kennen sie nur zu gut! Jene, welche schon länger hier sind, wissen, dass ich wieder komme. Da sind nun über all die Zeit, welche ich in Sikkim verbracht habe, richtige Beziehungen entstanden. Für mich ist das Loslassen eine Herausforderung. Nichts hält ewig, ausser vielleicht die Liebe, welche wir gaben und bekommen haben…….

Dank der Übersetzung durch Dawa konnte ich dann am Abend mit Rinpoche gut reden. Ich habe ihn gefragt, ob es vielleicht sinnvoll wäre eine Frau aus dem Dorf für zwei Tage pro Woche einzustellen.  Ihre Aufgabe wäre dann, die Kinderzimmer, Kleider, Schuhe etc. in Ordnung  zu bringen und zu halten.  Rinpoche fand dies eine sehr gute Idee. Er arbeitet selbst so viel, dass er dies gar nicht alles alleine erledigen kann. Der Lohn dieser Frau, wird mit Spenden finanziert. Das kostet im Monat um die 20 Franken. Ich bin glücklich, dass Rinpoche die Idee auch gut fand. Denn es gibt hier so viel zu tun. Täglich müssen irgendwelche Knöpfe angenäht, Schuhe geputzt und Tränen getrocknet werden. Er sucht nun eine Frau aus dem Dorf für diese Arbeit. Das sollte kein Problem sein. Denn das Kloster liegt recht abgelegen und die Bauern in der Gegend haben sonst wenig Möglichkeit zum Geld verdienen!

 
6. März 2015

Abreise!

Heute hat es um 6.00 Uhr Frühstück gegeben. Unser Koch hat mir noch einmal Kartoffeln angebraten, weil er wusste, dass ich die so gerne habe. Er ist so ein liebenswürdiger Mensch! Er war 30 Jahre in einem Restaurant in Darjeeling Koch. Dann ist die Familie, für welche er gearbeitet hat, nach Kanada ausgewandert. Rinpoche kannte die Leute und hat ihn dann als Klosterkoch aufgenommen. Er ist hier sehr beliebt. Ein richtiger Grossvater und ein super Koch! Er spricht Nepali und hört nicht mehr gut. Aber wir haben uns die ganze Zeit hier auch ohne Worte gut verstanden. Als ich dann nach dem Frühstück noch mein Gepäck aus dem Zimmer nahm, kam er mit den Kindern begleitet in mein Zimmer und legte mir einen weissen tibetischen Schal um den Hals. Dann drückte er mich. Er ist so mager, dass ich Angst hatte, ich könnte ihm beim Abschied die Knochen brechen. Dieser alte Mann hat mich wirklich beeindruckt. Er ist ein Segen für alle hier!

Als ich dann ins Auto stieg, standen alle 21 Kinder mit den zwei eerwachsenen Mönchen Nyima Lendup und Sonam Tsewang neben dem Auto. Das war wieder so ein Moment, wo ich dachte, was wäre, wenn ich nicht mehr zurück gehen würde……die Koffer auspacken und einfach bleiben………

Während ich hier nun die letzten Zeilen geschrieben habe, sitze ich in einem Hotelzimmer in der Nähe vom Flughafen. Morgen geht dann mein Flug nach Delhi und zwölf Stunden später der zweite Flug zurück in die Schweiz. In mein anderes Leben. Das ist dann der Wechsel von den Bergschuhen zu den Highheels (ich trage zwar meistens flache Schuhe - es ist mehr symbolisch gemeint). Die letzten drei Wochen bin ich mit einem Paar Hosen, zwei T-Shirts, einem Pullover ( danke Andrea! ) einer Jacke, einem Paar Schuhe ( ich hatte  noch Turnschuhe dabei, diese habe ich aber schnell verschenkt, weil der kleine Hund die einzigen Schuhe von Nyima Lendup zerschlissen hat ) zwei paar Socken und zwei Garnituren Unterwäsche ausgekommen. Ich konnte waschen.

Während ich hier sitze und schreibe, ist mir einmal mehr sehr bewusst, was für ein reiches wunderbares, erfülltes Leben ich doch führen darf! Dank an alle, welche an meine Träume glauben und mich bei der Umsetzung unterstützen – ohne Euch alle, wäre das hier nicht möglich – so wird aus dem Ich ein Wir!

Als ich in Delhi gelandet bin, musste ich vom Indien Inlandflughafen in den Internationalen wechseln. Die letzten Male war das immer ein kurzer Fussmarsch. Dieses Mal musste ich einen rechten Marsch mit meinem Gepäck aus dem Flughafen raus machen und dann unter einer Brücke auf einen roten Bus warten.  Da traf ich Toshiko. Eine Japanerin, welche in Australien lebt und auf der Reise zu ihrer Freundin in Nepal war. Sie hatte auch eine lange Wartezeit und so verbrachten wir etwa zwei Stunden am Flughafen in Delhi zusammen.  Sie erzählte mir, dass sie japanische Sound-Therapistin sei und vier Klangschalen im Gepäck mit dabei habe. Ich war natürlich sehr interessiert. Da öffnete Toshiko kurzerhand ihr Gepäck, nahm die Klangschalen hervor und beglückte mich mit ihren Klängen! Als Toshiko sich verabschiedete, setzte sich Anastasia neben mich. Eine junge blonde Frau aus St. Petersburg, welche in Dharamsala tibetisch studiert hatte und nun Uebersetzungen macht. Wir unterhielten uns wunderbar und so verging die Zeit bis zum Einchecken sehr schnell.

Als ich dann beim Swiss Counter war, bekam ich das super Geschenk, in die Businessklasse beefördert zu werden. Ich freute mich so sehr darüber. Doch als ich dann in der Businessklasse sass und mir die supernette Flightattendant, Frau Biner, das weisse Stofftischtuch hinlegte, hatte ich einen Kulturschock. Ich hatte wie in einem Film die Bilder meiner Kinder in Sikkim vor meinem inneren Auge. Ich sah, wie Rinchen weinte, weil ich nun wieder abreiste. Ich sah, wie die neuen Kinder, wie versteinert an der Klostermauer standen, als ihre Eltern sie verliessen etc. Da sass ich also auf meinem Luxussitz und mir liefen nur noch die Tränen übers Gesicht. Der Luxus war mir einfach zu viel. Frau Biner war sehr verständnis- und liebevoll, dass ich mich dann doch wieder erholte. Wir kamen dann ins Gespräch und es war eine sehr bereichernde Begegnung mit ihr. Einfach eine wunderbare Frau, welche mir da begegnet ist! Ich konnte dann schlafen und kam relativ erholt in Zürich an.

Meine Freundin Ruth holte mich beim Flughafen ab und wir genossen ein wunderbares Frühstück in Luzern. Mir ging es super gut und ich genoss es wieder zu Hause zu sein. Doch einen halben Tag später zu Hause meldeten sich Bauchschmerzen: massiver Brechdurchfall! Mir war soooooooo schlecht. Sterben war mein Stichwort…..Nun, ich bin nicht gestorben! Luzia hat mich mit Medizin versorgt und nun geht es mir schon fast wieder sehr gut. Morgen beginnt dann wieder meine Arbeit in der Praxis – und dann bin ich erst richtig wieder zu Hause angekommen!

In Liebe und Dankbarkeit,  Heidy Rosa

www.rosaworldwide.ch   bis die Fotos auf der Website sind, wird es noch etwas dauern. Auf Facebook Rosa World Wide und Heidy Müller sind sie wohl etwas schneller zu sehen!

P.s. Eine freudige und eine traurige Nachricht:  Das Land für das Mädchenkinderheim haben wir bereits. Rinpoche hat sich entschieden, dass es nicht in 3 km Entfernung stehen soll, da er noch Land neben dem neuen Kloster- Kinderheim hat, welches schon bezahlt ist.
Die traurige Nachricht: ich habe gerade ein Mail bekommen, dass mein liebes Patenmädchen Yeshi Dolma in Tibet wieder an TB erkrankt ist…..am liebsten würde ich alles stehen und liegen lassen und in den nächsten Flieger Richtung Tibet aufbrechen……….

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