Dolpo Nepal

 

Oungdak, Tenzin und Namdak, drei der Kinder aus einem Kinderheim in Sikkim/Nordindien, stammen ursprünglich aus Pugmo in Nepal.  Seit sie vor sieben Jahren ihr Dorf verlassen haben, konnten sie wegen der hohen Reisekosten mehr zurück nach Hause, um ihre Familienangehörigen zu besuchen. Seit ihrer Ankunft in Sikkim hatte sich in ihrem Heimatdorf viel geändert: Vor vier Jahren starb die Mutter von Oungdak, danach der Vater von Namdak und von Tenzin hat seinen Bruder in einer Schneelawine verloren.
Das Dorf Pugmo und die umgebende Provinz Dolpo liegen mitten im Himalaya und sind nicht durch Strassen erschlossen. Von Sikkim nach Kathmandu sitzt man zunächst eineinhalb Tage im Bus. Weiter geht es mit einem Inlandflug nach Nepalganj und von dort landet man mit einem Kleinflugzeug auf einer unbefestigten Landepiste in Juphal. Pugmo liegt auf rund 3‘000m Höhe - drei Tagesmärsche von Juphal entfernt.  Dank den eingegangenen Spenden konnten wir den Kindern im August 2014 ermöglichen für einen Monat ihr Dorf mit den verbleibenden Familienangehörigen zu besuchen.
Vor einem Jahr begannen wir diese Reise zu planen und nun ist sie bereits Geschichte. Wir erlebten mit den Kindern eine unvergessliche, reiche und beindruckende Zeit! Alle, die mehr wissen wollen, können gerne mein Tagebuch als PDF herunterladen.


Ein ganz herzliches Dankeschön, an die Sponsoren, die dieses Projekt so grosszügig unterstützt haben!
Heidy Rosa

 

Rosa World Wide Tagebuch 1. – 29. August 2014 Nepal – Dolpa

1. August
Nun ist es soweit. Die Koffer sind gepackt und wir fliegen nun von Zürich über Delhi nach Kathmandu, Nepal.
Als ich vor zwei Jahren das erste Mal hörte, dass Namdak, Tenzin und Ouangdak aus unserem Kloster-Kinderheim in Sikkim, seit fünf Jahren nie mehr nach Hause konnten, liess mir das keine Ruhe mehr. Ich versprach den drei Teenagern, dass ich Geld sammeln werde, damit sie wieder einmal nach Nepal in ihr abgelegenes Dorf Pugmo in Dolpa reisen können.
Ich kannte Rainer erst drei Wochen, als ich ihm von Sikkim aus ein Email schrieb, dass ich in einem Jahr mit diesen Buben nach Hause reisen werde. Weiter schrieb ich ihm, dass er mitkommen könne, falls er das gerne möchte. Rainer sagte zu und nun sitzen wir zusammen mit 100 kg Gepäck am Flughafen von Delhi und warten sieben Stunden, bis unser Flug weiter nach Kathmandu geht.

2. August
Wir sind pünktlich in Kathmandu gelandet. Rinpoche Yongten Gyatso und sein Freund Takla Geshe la haben uns vom Flughaben abgeholt. Die Begrüssung war sehr herzlich. Sie fuhren uns ins Hotel. Dort tranken wir noch einen Tee zusammen und anschliessend sind wir nach dieser unendlich langen Reise ins Koma gefallen.

3. August
Ich schlief wie ein Murmeltier und bin fit und voller Neugier erwacht, was der neue Tag so bringen möge. Wir sollten um neun Uhr von einem Taxifahrer im Hotel abgeholt werden. Aber das Taxi kam nicht. Rinpoche hat mehrere Male im Hotel angerufen. Irgendwann kam dann die Meldung zu uns, dass die Strassen in Kathmandu grossräumig gesperrt wurden. Der indische Premierminister war
Nach einer Stunde kam dann doch ein Taxi - man könnte es auch Klapperkiste ohne Fensterkurbel mit sehr viel Rost bezeichnen. Der Halter dieses Fahrzeuges transportierte uns auf holprigen Umwegen zum Bön Kloster Triten Norbutse wegen seiner Farbe auch Rato Gumpa (rotes Kloster) genannt.
Wir waren dann unterhalb vom Kloster bei Rinpoches Nepal Schlummermutter zum Mittagessen eingeladen. Zum Übersetzen hatte Rinpoche zwei Männer engagiert. Viktor, ein Russe welcher perfekt tibetisch und englisch spricht und Takla Geshe la. Wir wurden mit den Köstlichkeiten von Ama la verwöhnt. Es gab eine wunderbare Suppe und sooooo feine Momos.
Rinpoche erzählte, wie es mit den 14 neuen Buben im neuen Kloster so laufe. Es ist wirklich unglaublich. Vor einem Jahr haben die Bauarbeiten begonnen . Nun wohnen bereits die ersten Kinder in ihrem neuen zu Hause. Die Kinder können in die öffentliche nahegelegene Schule. Weiter ist ein Gästehaus im Bau sowie Räume, welche Studenten der naheliegenden Uni mieten können.
Rinpoche hat mich wirklich beeindruckt mit seiner Tatkraft und seinen Ideen. In der Schweiz wäre so ein Bau in nützlicher Frist fertig. Aber dass er es in so kurzer Zeit in Nordindien fertiggebracht hat mit dem Kloster, ist wirklich eine sehr grosse Leistung.
Ich hatte zu Hause eine Vision für ein Mädchenkinderheim. Diese Idee ist ja schon länger in meinem Kopf. Vor unserer Abreise war dieser Gedanke sehr klar für mich. Wir sprachen mit Rinpoche darüber. Es ist logisch, dass die Mädchen nicht im Knabenkloster untergebracht werden können. Es gibt aber in der Nähe des neuen Klosters Land zu kaufen. Dort gäbe es die Möglichkeit ein Mädchenkinderheim zu bauen.
Rinpoche klärte sich bereit, wenn wir die nötigen finanziellen Mittel (ca. 250‘000 CHF) aufbringen, würde er die Bauleitung sowie später die Führung des Klosters managen.
Das ist natürlich schon einmal super, eine Vertrauensperson vor Ort zu haben, welche das ganze managt.
Wir konnten so den ganzen Nachmittag richtig gute konstruktive Gespräche führen. Rinpoche hat gesagt, dass Mädchen oft nicht gerne Nonnen würden, weil die einfach nicht so gut gestellt seien, wie die Mönche. Daher stelle er sich ein Mädchenheim vor, welches zwar der Klosterführung unterstehe. Aber die Mädchen müssten begleitet werden, bis sie studiert oder eine Ausbildung gemacht haben. Das entspricht natürlich auch unseren Vorstellungen.
Nun sind wir gefordert Geld zu sammeln. Ich bin zuversichtlich, dass wir das hinkriegen.
Es freut mich sehr, mit wie viel gedanklichem Engagement mich Rainer unterstützt. Er hat sich auch blendend mit R
Am Abend fuhren wir dann zu einem gemeinsamen Nachtessen. Sonam und Lendup, welche die Kindheit im Sikkim Kloster verbrachten, studieren nun im Menri Kloster in KTM. Sie waren auch zum Essen eingeladen. Ich habe mich sehr gefreut die beiden wieder zu sehen! Wir waren in einem noblen Hotel. Es gab ein Buffet, welches 8 Franken pro Person kostete. Die Teenies haben es sehr genossen, dass es einmal etwas anderes als Tsampa (Gerstenbrei) zum Essen gab. Nach dem Essen schenkte Rinpoche uns zwei wunderschöne seidige Kathaks und eine Buddhastatue, welche Glück für unsere Beziehung bringen soll. Wir waren sehr berührt – sprachlos und glücklich!

4. August
Wir haben viel zu erledigen, bis wir auf unsere eigentliche Reise nach Dolpa können. Wir brauchen ein Visum, welches nicht ganz einfach zu bekommen ist. Nepal scheint ja unglaublich korrupt zu sein. Obwohl wir mit Einheimischen auf das Trekking gehen, brauchen wir offiziell einen Führer, einen Träger und einen Koch. Das ganze kostet 1000 Franken. Ich ärgere mich gewaltig. Rainer bleibt recht gelassen. Schweinehunde, denke ich - aber das hilft auch nicht weiter. Wir beissen in den sauren Apfel und kaufen unsere Visen. Dann brauchen wir Flüge für die 6 Mönche und für uns. Ich muss sagen, ich geniesse es sehr, dass sich Rainer um all den Bürokram kümmert. Und er macht das gern –
Eigentlich hätten heute unsere sechs Freunde aus Sikkim ankommen sollen. Sie sind zwei Tage im Verzug, weil Geshe la krank war. Nur hat uns das niemand mitgeteilt. Zum Glück haben wir die Flüge noch nicht definitiv gebucht.
Per Facebook haben wir ein wenig Kontakt mit Geshe Tsultrim, welcher aber nicht wirklich englisch spricht. Nyima Duktas Telefon hat den Geist aufgegeben. Er wird unser Übersetzer auf der Reise.
Geshe Tsultrim hat mir nun geschrieben, dass sie am 6. August am Morgen in KTM ankommen. Wir buchen die Flüge auf den 7. August. Damit wir die Flüge buchen konnten, brauchten wir die exakten Namen aller Reiseteilnehmer……..
5. 6. August – (Ich kann nicht nach 4 –
Am Morgen des 6. August treffen wir nun im Menri Kloster unsere Sikkim Freunde. Die Freude ist sehr gross. Ach ich bin doch wieder einmal emotional. Es ist nun ein Jahr vergangen, seit wir begannen, diese Reise zu planen. Ich stelle mir ja immer wieder vor, wie das nun wohl für die drei Kinder ist. Nach sieben Jahren werden sie das erste Mal wieder ihre Familienangehörigen treffen – im Dorf ihrer frühen Kindheit!
Wir haben eine Tasche voller guter Trekkingkleider und zwei paar Wanderschuhe dabei. Die, o Wunder, perfekt passen. So brauchen nur vier Personen gute Schuhe, welche wir gemeinsam kaufen gehen.
Wir laden alle vor der Shoppingtour zu einem Glace oder Frappé ein. Wow – diese Gesichter. Ouangdak isst zum ersten Mal Glace – Schoggiglace! Er strahlt, wie alle, übers ganze Gesicht. Ach Ounagdak hatte ja wirklich Pech. Zuerst starb seine Mutter vor fünf Jahren bei der Geburt von Zwillingen. Dann verlor er ein Auge beim Spielen mit Pfeil und Bogen. Nun hat er noch ein Problem mit dem Gehör. Er hört seit ein paar Monaten nicht mehr viel an einem Ohr! Er war beim Arzt. Dieser hat nichts herausgefunden……….er soll nach der Heimreise zu einem guten Arzt in KTM. Wir werden Geld dafür hierlassen……am Abend sind alle mit Rucksäcken, Schuhen und den nötigen Kleidern ausgerüstet!

7.August
Heute findet unser erster von zwei Inlandflügen statt. Wir haben unser Hotel in der Nähe des Flughafens. Daher haben wir mit allen um 13.30 beim Nepal Domestic Aeroport abgemacht. Rainer und ich waren bereits etwas früher vor Ort. Als um 13.45 immer noch niemand da war, begann ich zu telefonieren. Geshe Tsultrim und Geshe la verstanden kein Englisch und Nyima Dukta hatte kein Telefon………..Unser Flug war ja erst in drei Stunden. Gut, dass wir genügend Zeit eingerechnet hatten. Mit etwa einer Stunde Verspätung kamen dann alle noch rechtzeitig zum Flughafen. Nyima Dukta ist noch nie geflogen und fuhr mit den Kindern und diesem Taxi zum Internationalen- statt
Nun waren sie aber alle da und bereit zum Einchecken. Dieser Bagage an Gepäck. Das war wirklich lustig. Geshe hat von jemandem in KTM einen TV mit samt Satellitenschüssel geschenkt bekommen…....
Beim Einchecken lief es auch nicht ganz rund. Die Namen auf den Tickets entsprachen nicht ganz den Namen auf den ID Karten. Geshe Tsultrim hat sie falsch angegeben. In der Schweiz hätte man mit falsch geschriebenen Tickets wohl nicht fliegen können – hier brauchte es ein paar heftige Diskussionen und dann ging alles ganz prompt. Wir sassen im Flieger nach Nepal Gunj Südnepal.
Nach zwei Stunden landeten wir mit unserem ganzen Bagage im sengend heissen Grenzland Indien – Nepal. Hier hatten wir für eine Nacht für alle ein Zimmer in einem Hotel gebucht. Der Weiterflug war auf morgen früh um 6 Uhr nach Dolpa geplant – sofern das Wetter mitspielte. Wir haben das beste Hotel gebucht, welches es gab. Denn die Hotels in Nepal Gunj sind berühmt berüchtigt. Wir bezahlten für Rainer und mich je 13 Franken und für die Kinder und Mönche 6 Franken. Nun, hier

8.August
Um 5.30 standen wir alle in finsterer Nacht vor dem Hotel und warteten auf das Taxi, welches uns zum Flughafen führen sollte. Ich schaute zum Himmel hoch und sah eine Sternschnuppe. Welch glückverheissendes Symbol. Ich wusste, wir werden eine gute Reise haben. Aberglaube hin oder her.
Nun in den Büschen beim Hoteleingang tummelten sich Ratten – da schaute ich doch lieber zum Himmel hoch in die wunderschöne klare Sternenwelt.
Die Flüge von Nepal Gunj können nur stattfinden, wenn das Wetter in Dolpa Juphal gut ist. Denn die Flugpiste ist kurz und holprig – eine Piste mit Schlaglöchern.
Wir hatten Glück. Unser Flug wurde durchgeführt. Zwar mit ein paar Stunden Verspätung. Aber das spielte keine Rolle.
Der Landeanflug war echt nur für gute Nerven. Ich schloss meine Augen, als ich die Landepiste mit dem Abgrund sah. Es ging alles gut. Wir landeten sicher in Juphal. Nun hatten wir Dolpa unter den Füssen. Die Kinder waren recht still. Ich konnte nur erahnen, wie es ihnen wohl ging!
Bevor unser Trekking nun endlich begann, verbrachten wir noch eine Nacht im Blue Sheep Hotel in Dunai. Das heisst, Rainer und ich schliefen im Zelt vor dem Hotel. Unsere Betten im Hotelzimmer

9.August
Heute beginnt unser Trekking, welches eigentlich drei bis vier Tage dauern sollte…….wir wanderten es in zwei Tagen ab !!!!!!!!!!!!!!!
Wir engagierten für die Kinder und Mönche drei Lastenträger. Rainer und ich trugen das meiste von unserem Gepäck selber. Rainer hat etwa 23 kg in seinem Rucksack und ich etwa 15kg. Das Wetter meint es gut mit uns. Wir befinden uns am Ende der Regenzeit – aber es scheint die Sonne. Wir sind hier im Paradies gelandet. Auf dem Weg hat es einen einzigen riesigen Kräutergarten, wilde Aprikosen, Feigen, Granatäpfel. Ich bin überwältigt von der Schönheit der Natur. Wir laufen für Stunden einem wirklich grossen und wilden Bach entlang. Manchmal spritzt das Wasser an die Beine. Wir überqueren viele Brücken. Manche mit Geländer, manche ohne. Manche mit stabilen Holzbretter, manche mit morschen……manchmal wird es mir schon etwas schwindlig.
Geshe la kauft für die Familien in Pugmo noch Kinderkleider auf dem Markt. Die sind hier viel billiger als in KTM.
Die Jungs rennen wie wilde Pferde voraus. Im Mittelfeld sind Rainer, Nyima Dukta und ich – zuhinterst die beiden Geshes. Es geht bergauf – und wenn ich bergauf sage, meine ich auch bergauf. Nur geht es dann auch entsprechend wieder runter. Was ja eigentlich etwas Erholung bringen sollte. Nur bei jedem Schritt nach unten, weiss ich, dass wir das alles auch wieder hoch laufen müssen. Es ist wirklich streng. Aber die Stimmung ist super gut. Nach einigen Stunden machen wir eine Rast. Hier kocht eine Frau für uns alle ein feines Mittagessen. Reis, Linsen und Krautstielblätter ( Rainers Lieblingsessen – wie sich mit der Zeit herausstellt ;-) )
Nach dem Mittagessen liefen wir weiter in dieser atemberaubenden Landschaft. Geshe Tsultrim sagte dann nach einer Zeit:“ Es ist nicht mehr weit – etwa eine Stunde“. Nun diese eine Stunde entpuppte sich als Nepali – Zeit. Wir liefen mindestens noch drei Stunden. Als wir bei unserem Tagesziel ankamen dämmerte es bereits. Just bevor eine Sintflut auf uns niederprasselte, hatte Rainer unser Zelt bereits aufgestellt. Wir schliefen im Trockenen. Es regnete die ganze Nacht wie aus Kübeln. Aber, o Wunder, am Morgen war es glanzheiter! Ein weiterer wunderbarer Tag stand vor uns. Frohen Mutes assen wir wieder Reis, Linsen und Krautstielblätter. Das gab es nun jeden Tag ein bis zwei Mal.

10. August
Heute brannte die Sonne ohne Gnaden auf uns runter. Es ging stundenlang steile Steintreppen nach oben, nach unten, nach oben, nach unten. Die Oberschenkel brannten bei jedem Schritt. Das machte nichts. Die Füsse fühlten sich sehr wohl in den schweren Bergschuhen. Ich hatte keine einzige Blase. Rainer dagegen blutete an einer Ferse. Aber er ist schon sehr tapfer. Ich denke die Compeeds nahmen auch nicht jeden Schmerz.
Nach einigen Stunden wandern machten wir bei einem kleinen Weiler mit ein paar Häusern Mittagshalt. Wir dürfen bei einer alten Frau in die Küche und sie kocht für uns alle ein wunderbares Mittagessen. Wir sind mit den Trägern und den zwei jungen Verwandten der Kinder 14 Personen und werden einfach so in einem Privathaushalt bekocht. Das ist ja wirklich nicht selbstverständlich!
Nach dem Essen geht es wieder für Stunden bergauf. Nun sind wir inmitten von riesigen Cannabisfeldern. So etwas habe ich ja noch nie gesehen. Ich wusste zuerst gar nicht, was das ist, was
da so duftete. Nun, da sich Rainer mit Heilpflanzen auszukennen scheint, hat er mich dann aufgeklärt
Es dämmert schon langsam. In der Ferne sehen wir den Tempel von Pugmo. Das Ziel unserer Reise. Von nun an laufen wir alle zusammen. Irgendwann stehen neben uns drei alte Stupas – kleine Tempel. Dort warten drei Frauen auf uns mit Kathak Schals. Es sind Namdaks Mutter, Ouangdaks stumme Schwester und noch eine Tante. Die Freude ist riesig. Wir bekommen Chang – selbstgebrautes Bier und Schnaps zur Begrüssung. Nach der Begrüssung laufen wir weiter. Hinter der nächsten Kurve kommen uns alle Bewohner von Pugmo entgegen. Wir werden mit Seidenschals und Blumen überhäuft und dann laufen wir wie in einer Prozession zum Dorf. Namdak, Tenzin und Ouangdak sind sehr scheu. Es braucht wohl zuerst etwas Akklimatisierung nach dieser langen Zeit.
Rainer und ich bekommen ein tipptoppes Zimmer mit zwei Betten. Es befindet sich in der Nähe der einzigen Toilette des ganzen Dorfes, welche wir auch benützen dürfen. Wir fallen gleich sehr müde ins Bett.
Rainer hat nur ein einziges Paar Hosen dabei – jene die er trägt. Nun, sie standen langsam vor Dreck. Da bat er mich, sie zu waschen. Die Sonne schien nicht und so trockneten die Hosen auch nicht. Irgendwann war es dann Zeit fürs Abendessen. Ich lieh Rainer meine schwarzen Merino Leggings aus und mein rotes OKB Duschtuch um die Hüften. Das sah zum Schreien lustig aus. Rainer in Leggings und rotem Röckli. Auf jeden Fall schritt er so zum Abendessen. Wir mussten so über die Blicke der Menschen lachen………….

11.August
erwachten, entdeckten wir beide, dass unsere Körper voll waren mit Wanzenbissen. Diese Tierchen müssen ja auch von etwas Leben. Wir nehmen es mit Humor!
Irgendwann klopft Nyima Dukta an unserer Türe. Das Frühstück sei bereit! Wir werden hier verwöhnt – alle heissen uns herzlich Willkommen. Die Kinder sind nun in ihren Familien und wir sind abwechslungsweise bei ihnen zum Essen eingeladen.
Nach dem Frühstück wandert Rainer mit den Jungs und Nyima Dukta zum Wasserkraftwerk. Hier oben haben sie seit zwei Jahren ein paar Stunden pro Tag Elektrizität. Ich verzichte auf die Wanderung – ich will Tagebuch schreiben und meine Knochen etwas schonen.
Ich sitze an der Sonne mit meinem Tagebuch. Neben mir sind zwei Frauen mit Weben beschäftigt. Es kommen immer wieder Kinder und Erwachsene vorbei, um mir beim Schreiben zuzusehen.
Zum Mittagessen sind wir bei Namdaks Mutter, welche Witwe ist zum Essen eingeladen. Sie ist so glücklich, dass ihr Sohn zu Hause ist. Das ist wirklich ein schönes Bild. Namdak hat sich am schnellsten zu Hause eingelebt. Ouangdak ist mit seinem Grossvater und der stummen Schwester alleine und bei Tenzin zu Hause gibt es Probleme zwischen Mutter und Vater…..

12.August
Heute findet im Tempel eine Zeremonie zum Dank für unsere Reise statt. Es ist wunderschönes warmes Wetter. Daher entschliesse ich mich heute die Haare zu waschen. Ich habe das Gefühl Kleister auf dem Kopf zu haben. Das Wasser ist sehr kalt – aber Augen zu und durch. Nach dem Haare waschen habe ich das Gefühl ein leichtes Wölklein auf dem Kopf zu haben – so schön luftig und fein duftend. Ich lasse meine Haare an der Sonne trocknen und gehe dann anschliessend in den Tempel zum Meditieren. Im Tempel sind alle Mönche und ein paar alte Männer. Sie legen mir einen Teppich hin zum draufsitzen und ich bekomme einen feinen Tee. Nach etwa zwei Stunden kommen alle Frauen vom Dorf in den Tempel. Sie sagen mir, dass sie nun eine Zeremonie für ein glückliches langes Leben machen. Alle kommen vorbei und geben mir ein Häufchen Gerstenkörner in die Hände und dann haben sie noch ein zweites Schälchen mit ranziger Butter……………..uffffffffffffffff eine nach der NEIN – MEINE LUFTIGEN HAARE. Dann muss ich aber Lachen und denke mir – es ist ja für ein glückliches und langes Leben.
Nach der Zeremonie gehe ich ins Zimmer. Rainer ist bereits dort. Er erholt sich fast nicht vor Lachen und sagt mir von nun an Ankäbliämli (Butterblume) Ich ziehe mir die gestrickte Mütze über den Kopf, damit ich nicht so stark rieche. Es ist bereits Abend. Die Sonne scheint nicht mehr. Und ich finde es unhöflich, die Haare zu waschen.
Etwa nach einer Stunde kommt Nyima Dukta ins Zimmer und sagt uns, wir sollen in den Tempel kommen.
Im Tempel sind alle Mönche und alle Bewohner von Pugmo mit Kind und Kegel versammelt. Ich habe Kathak Schals dabei für Geshe la, den Buddhaaltar und den Dorfältesten. Wir werden direkt vor dem Altar auf einem Teppich platziert. Sofort bekommen wir Tee und hellen Kaffee. Der Direktor der Tapiriza Schule ist auch da. Er kommt auch aus Pugmo . ( Tapirziza Schule ist ein Schweizer-amerikanisches Schulprojekt) Der Direktor spricht gut Englisch. Nun beginnen die Dorfältesten zu sprechen. Alle bedanken sich bei uns. Die Familien in Pugmo wussten nicht, ob sie die Kinder je wieder sehen werden. Denn niemand von ihnen hat genug Geld, um nach Sikkim zu reisen. Und die Kinder hätten ohne die Sponsoren aus der Schweiz nicht mehr zurückreisen können. Alle kommen vorbei und hängen Rainer und mir Glücksschals um den Hals. Es ist so berührend. Uns ist es peinlich. Wir werden wie Könige auf dem Thron behandelt. Rainer sagt dann, dass wir hier viel mehr bekommen, als wir je zurückgeben können und wir uns sehr reich beschenkt fühlen. Ich bin den Tränen nahe. Aber ich will auch etwas sagen. So bedanke ich mich bei Geshe la, dass er sein Kloster in Sikkim für mich aufgemacht hat und dass das mein zweites zu Hause sei. Ich sage dann weiter, dass ich selber keine Kinder habe und dass ich nie eine Mutter ersetzen könne, aber ich gebe das Beste, eine gute Tante für die Kinder im Sikkim Kinderheim zu sein. Weiter sage ich zu den noch lebenden Verwandten „unserer“ drei Kinder, dass sie stolz auf diese Buben sein können. Und wir seien sehr glücklich, dass wir sie nach Hause bringen durften. Dann versagte mir die Stimme………..es blieb kein Auge trocken. Der Schuldirektor brach dann das Schweigen nach einer langen Minute in dem er erwähnte, dass sein eigener Sohn vor Jahren auch fort musste und die Sprache des Dorfes verlernt habe. So kamen dann wieder Gespräche auf. Und die Stimmung wurde wieder fröhlich!
Am Abend gab es ein Fest mit Musik und Gesang im Tempel – Rainer und ich gingen dann sehr berührt ins Bett….ich schaue noch zum Himmel hoch zu den Sternen und bin so unendlich dankbar, dass wir diese Reise machen konnten und auch, dass ich in der Schweiz geboren bin und alle Freiheiten dieser Welt haben darf!

13.August
Wir sind wieder bei Geshe la zum Essen eingeladen. In seinem Elternhaus leben zwei Brüder von ihm, seine Schwester mit ihrem Mann und deren zwei Mädchen. Das eine ist acht Jahre alt und das zweite ein Baby. Geshe la hat gesagt, dass er grosse Sorgen habe. Der Mann seiner Schwester trinkt sehr viel Alkohol und sei gewalttätig. Er vertrinke das ganze Geld. Dadurch könne das acht jährige Mädchen nicht in die Schule. Denn sie können das Jahresschulgeld von 180 Franken nicht bezahlen. Die Schwester von Geshe la sieht sehr traurig aus ……..überhaupt ist Alkohol ein sehr grosses Problem. Sie brauen selber Bier und Schnaps. Dann hat es Cannabisfelder soweit das Auge reicht. Viele junge Männer riechen schon am Morgen nach Alkohol. Die meisten Männer hängen den ganzen Tag herum und die Frauen arbeiten wie die Pferde. Sie weben, machen den Haushalt, arbeiten auf den Feldern usw. Wir können nur ein bisschen hinter die Fassaden hier sehen – und es gibt viel trauriges..
Ich sitze an der Sonne und denke so über das Leben nach. Vieles was ich hier sehe macht mich traurig. Aber es ist auch Antrieb, damit nun in Sikkim auch ein Kinderheim für Mädchen gebaut wird. Ja, das ist tief in meinem Herzen. Natürlich werden wir die Buben weiterhin unterstützen. Aber es MUSS nun wirklich auch etwas für Mädchen geben! Bei diesen starken Gedanken kommt wieder Lebensenergie in mein Herz. Ich habe schon viele Ideen.

14. August
Wir stehen um 5.15 auf. Heute geht es nach Ringmo zum Shey Phoksundo See. In diesem Dorf leben weitere Verwandte von unseren Buben. Wir wandern etwa 7 Stunden steil den Berg hinauf. Rainer hatte etwa 25 kg in seinem Rucksack. Ich etwa 15 kg. Es ist heiss. Daher kann ich meine Strickmütze nicht lange auf dem Kopf behalten. Nun an der Sonne verbreitet sich der Duft meines Butterkopfes nen riesigen Wasserfall. Nyima Dukta strahlt über das ganze Gesicht. Von hier aus geht es nur noch 15 Minuten steil bergauf. Dann kommen wir auf eine Hochebene und von hier aus erblicken wir den türkisfarbenen Shey Phoksundo See. Wir tänzeln dem Dorf entgegen. Wau alle Glückshormone fliessen in den Blutadern. Ich bin überwältigt von so viel Schönheit!
Wir werden bei Namdaks Schwester einquartiert. Sie ist hier verheiratet und hat ein kleines Mädchen. Ihr Mann ist zwar friedlich aber den ganzen Tag bekifft. Die Unterkunft hier ist sehr schmutzig. Es hat wieder Bettwanzen, Flöhe und einfach viel Dreck. Es gibt täglich Reis, Krautstielblätter und Linsensuppe ohne Salz. Da das hier oben ein Trekkingdorf ist, hat es auch einen Kiosk. Diesen stürmen wir. Wir kaufen Mars, Snickers und Biscuits. Alles vom Datum abgelaufen und schon ein paar Mal an der Sonne aufgewärmt. Aber wir sind glücklich und machen ein Festmahl aus
Nyima Dukta, welcher immer sehr diplomatisch ist, sagt uns durch die Blume, dass diese junge Frau wohl etwas Mühe mit Kochen habe…...wir müssen lachen! Rainer hat bestimmt schon 8 kg abgenommen, seit wir unterwegs sind.
Unsere drei Sikkim Jungs haben sich entschieden, dass sie nicht in Dolpo bleiben wollen. Sie haben hier oben keine grossen Möglichkeiten für die Zukunft und natürlich sind sie nun in einem Alter, wo sie die Probleme in den Familien auch mitbekommen.
Es gäbe hier in Dolpo so viel zu tun. Mir ist aber klar, dass ich mich nicht verzetteln will. Mein Fokus geht auf die Kinderheime in Sikkim und auf den Bau des Mädchenheimes in Sikkim……..ich will auch, dass unsere Projekte für mich überschaubar bleiben. So dass ich jedes Jahr dorthin reisen kann und alle Namen der Kinder kenne. Das fühlt sich gut an. Es tut mir gut, wenn Rainer mir sagt, dass ich nicht die ganze Welt retten könne……..

17. August
Wir sind zurück in Pugmo. Nun bleiben hier noch zwei Tage, bis unsere Rückreise beginnt!
Eine Frau mit einem furchtbaren Ekzem im ganzen Gesicht und Halsbereich kommt vorbei. Zum Glück habe ich ein paar Medikamente und Salben dabei. Mein Hausarzt Bruno Dillier hat mich wieder gut ausgerüstet. Da wir unser Gepäck tragen mussten, ist die Anzahl Medis aber beschränkt. Nun ich habe eine Salbe für die Frau, welche ihr hoffentlich hilft. Dann hat es noch eine andere Frau mit vermutlich einem Bänderriss am Fuss und dann noch ein Mann, welcher an der Hand von einem Yak verletzt wurde. Hier in Dolpo hat es rund 7000 Bewohner in all den Dörfern und KEINEN Arzt. Es sollten zwar Ärzte hier sein, welche vom Staat bezahlt würden. Aber das Geld oder die Ärzte verschwinden. Die Korruption in Nepal ist unglaublich gross. So kommt die Hilfe meistens gar nicht in diese abgelegenen Dörfer. Das Geld der sehr teuren Visen verschwindet auch irgendwo in Kathmandu. Das nervt mich gewaltig…..hmmmmm meine Freunde würden nun wohl als Insider zu
Ich bin so traurig zu sehen, wie schreckhaft die achtjährige Tochter von Geshes Schwester ist. Der Vater trinkt viel Alkohol und ist gewalttätig. Am liebsten würde ich die Frau mit ihrem Baby und dem grösseren Mädchen mitnehmen. Das geht natürlich nicht. Dafür ist für mich klar in Sikkim ein Kinderheim für Mädchen zu bauen – genau für solche Kinder und vielleicht auch Frauen, welche dort Arbeit finden……

19. August
Abschied – das ganze Dorf ist hier um uns zu verabschieden. Geshe la segnet uns und wir bekommen einen seidenen Kathak umgehängt. Der Grossvater von Oungdak und ein Bruder von Geshe la haben Tränen, als sie uns verabschieden. Ich kann meine Tränen sowieso nicht zurückhalten und viele der Frauen auch nicht. Ich verabschiede mich von jeder Person einzeln. Drücke meine Stirne an ihre und dann gibt es noch einen letzten Blick in die Augen. Mir ist sehr bewusst was für ein schönes Leben ich führen darf. Im speziellen als Frau. Ich kann wählen und wenn etwas nicht mehr stimmt, kann ich es verändern. Diese Menschen hier – insbesondere die Frauen haben ein so hartes Leben und wohl keine Wahl.
Tenzin, Oungdak , Namdak und ein paar Frauen begleiten uns noch ein Stück unseres Weges. Dann bei den alten Stupas verabschieden auch sie sich sehr herzlich mit Blumen und Kathaks von uns. Unser Übersetzer Nyima Dukta und der junge Dolpo Geshe kommen mit uns. Die Kinder und Geshe la bleiben noch einen Monat und dann reisen sie auch wieder nach Sikkim zurück. Wir haben ihnen Geld für die Flugbillette dagelassen.
Am Abend sind wir in einem Dorf bei einer Stiefschwester von Namdak einquartiert. Die Wanderung hierher war sehr streng und dadurch konnte ich meine Emotionen wieder ausbalancieren. Es ging soooooooooo viele Stunden steil herunter und herauf. Wir haben ein schönes Zimmer. Auf die Toilette müssen wir vors Haus auf die Strasse und dann rechts in den Wald hinunter. Als ich in der Nacht mal müsste – getraue ich mich nicht. Rainer fragt mich im Halbschlaf ob ich nicht schlafen könne? Ich sage, ich sollte aufs WC, aber ich getraue mich nicht……Rainer dreht sich um und beginnt gendwann kommt mir dann in den Sinn, dass ich gute Plastiksäckli in meinem Rucksack habe. Ich zupfe eines hervor, und nutze es als Toilette – dann schwups das gelbe Wasser aus dem Fenster und so finde auch ich den Schlaf eines Murmeltieres. Am Morgen lachen wir darüber - und einmal mehr sind wir voll mit Bettwanzenbissen…… jä nu!

20. August
Wir kommen glücklich, müde und hungrig in Dunai an. Morgen geht es zu unserem Flug nach Nepal Gunj. Es klappt alles wie am Schnürchen. Das Wetter ist gut und so können wir unseren geplanten Flieger nehmen.

21. August
Gesund und voller Eindrücke kommen wir am Abend zurück nach Kathmandu. Nyima Dukta und Dolpo Geshe kommen einen Tag später. Sie konnten nicht denselben Flieger nehmen wie wir! Unser einfaches Hotel erscheint uns wie der grösste Luxus. Wir gehen zur Boudha Stupa Kaffee trinken und kommen langsam wieder an - in der Konsumwelt. Wir geniessen das kleine spanische Restaurant bei der Stupa und sprechen viel über das Erlebte. Ich denke so viel an all das Elend, was wir gesehen haben, aber auch an all die Herzlichkeit und die riesige Gastfreundschaft. Ich denke mir, ich muss mich ja nicht genieren, weil ich in der Schweiz ein gutes Leben habe – aber ich bin tief dankbar und ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit überkommt mich……natürlich durchmischt mit Traurigkeit – weil ich halt wohl doch nicht die ganze Welt retten kann – wie Rainer zu mir sagt …….
Nun sind wir schon wieder zwei Wochen in der Schweiz. Ich habe von Rinpoche die Offerte für das Land und das Kinderheim bekommen. Es hat Land gleich neben dem Bubenkinderheim. Nun sind wir gefordert. Wir brauchen rund 260‘000 Franken um das ganze Heim zu bauen. Ich bin zuversichtlich – und denke der liebe Gott hat mich gern, der wird es schon richten, dass wir das Geld zusammen bekommen. Ich werde im Februar wieder nach Sikkim gehen und mir das ganze vor Ort anschauen. Mein Ziel ist es, dass wir dann das Land kaufen können. Dafür brauchen wir 30‘000 Franken – ich glaube daran!


Heidy Rosa Müller
Bergmannsmatt 2
6074 Giswil Schweiz
Tel. ++41416752462
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www. rosaworldwide.ch

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